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Star Trek: Die (fast) vergessene Episode – heute auf SYFY

Heute um 14.30 Uhr läuft auf SYFY eine Episode, die lange Zeit in Deutschland im Giftschrank des Vergessens vor sich hinvegetierte. Dabei handelt es sich bei ihr genaugenommen um den vielzitierten Lärm um Nichts.

Star Trek

Präsentiert von: Björn Sülter


Es war im zweiten Jahr der noch jungen, ersten Star-Trek-Serie, die 1967/68 über die Bildschirme in den USA flimmerte, als die Produzenten zum Ende der Staffel eine Episode auspackten, die zu Stirnrunzeln Anlass gab. Ihr Name: Patterns of Force (Schablonen der Gewalt).

Die Idee

Das Drehbuch stammte von John Meredyth Lucas, der zuvor bereits The Changeling (Ich heiße Nomad) und später noch Elaan of Troyus (Brautschiff Enterprise) beigesteuert hatte. Zudem durfte er bei drei Episoden Regie führen.

Doch was genau war in seiner zweiten Drehbucharbeit nun eigentlich passiert? Rein von der Handlung begann es eigentlich ganz harmlos: Kirk und Spock suchten den vermissten John Gill, einen Vertreter der Föderation auf Ekos. Sie fanden heraus, dass dieser sich zum Führer der Ekosianer ernannt hatte. Doch damit nicht genug: Er etablierte offenbar einen Staat nach dem Vorbild des Nazi-Regimes, in dessen Klauen sich Kirk und Spock kurz darauf wiederfanden …

Lucas schrieb die Episode aus seiner Faszination für das Funktionieren von totalitären Regimen, insbesondere Nazi-Deutschland und die Fähigkeit dieser, die Kontrolle zu behalten. Er wollte zudem einen Nazi-Charakter schreiben, der eigentlich etwas Gutes erreichen wollte, dabei aber aus den richtigen Gründen aber mit dem falschen Ansatz alles zerstörte. Er wollte außerdem die Frage aufwerfen, wie die Ideologie von Nazi-Deutschland überhaupt in der gebildeten Bevölkerungsschicht Zuhörer finden konnte. Seine Antwort war recht simpel: Das Regime war effizient und erschien bei den vielen gesellschaftlichen Problemen als leichter Ausweg. Lucas ging sogar so weit zu behaupten, dass es kein effizienteres Regime in der Weltgeschichte gegeben hatte; eine verbreitete Annahme, die inzwischen aus verschiedenen Gründen widerlegt werden konnte.

"If we adopt the ways of the Nazis, we're as bad as the Nazis." - Isak (mit einer äußerst simplen Botschaft)

Star Trek

Viel Lärm ...

In Zeiten von Serien wie The Man on the High Castle macht man sich vermutlich keine Vorstellung davon, was Lucas damit in den 1960er-Jahren auslöste. Als das ZDF die Serie ab 1972 erstmals ausstrahlte, fehlten noch diverse Episoden. Patterns of Force war eine davon. Daran war jedoch nichts Ungewöhnliches, da diese Vorgehensweise damals sehr verbreitet war. Die Gründe für das Auslassen dieser speziellen Episode waren allerdings eindeutig: Aufgrund der verwendeten Symbole und des Satzes, dass es sich bei Nazi-Deutschland um die effizienteste Gesellschaft gehandelt habe, die es je gegeben hat, hielt man die Episode nicht für geeignet für das deutsche Fernsehpublikum.

Als Sat.1 dann 1988 die restlichen Episoden nachschob, blieb sie weiterhin als einziges nicht ausgestrahltes und nicht synchronisiertes Abenteuer der Serie übrig. Dieser Zustand hielt noch weitere acht Jahre (!) an, bis das Werk 1996 erstmals auf Deutsch auf VHS veröffentlicht wurde. Dafür trommelte man sogar alle noch lebenden Synchronsprecher zusammen. Einzig Kurt E. Ludwig (Scotty) war bereits verstorben, was Manfred Petersen den (kurzen) Part verschaffte. Insbesondere bei Herbert Weicker (Spock) und Gert Günther Hoffmann (Kirk) fiel allerdings der lange zeitliche Abstand zur Arbeit an der Serie auf, was die beiden Figuren anders und deutlich älter klingen ließ, als man sie kannte.

Drei Jahre später folgte dann auch die deutsche Erstausstrahlung auf DF1, 31 Jahre nach der ersten US-Ausstrahlung, noch nach dem (deutschen) Ende der Next Generation, kurz vor der letzten Staffel DS9 und mitten in der Ausstrahlung von Star Trek: Voyager. Die deutsche Free-TV-Premiere fand sogar erst 2011 (!) statt, als ZDFneo die Episode zeigte. Sie erhielt die Altersempfehlung FSK16.

Star Trek

... um Nichts

Nun müsste man meinen, dass Patterns of Force eine Riesensache wäre. Leider kann davon aber keine Rede sein. Das Drehbuch ist simpel und uninspiriert, die Darsteller chargieren wie wild und die Dialoge sind durchgehend flach. Lucas mag eine interessante Idee gehabt haben, war aber nicht in der Lage, diese zu einem interessanten und politisch angemessenen Ergebnis zu verdichten. Alles blieb an der Oberfläche und spielte geschichtliche Sachverhalte letztlich herunter.

"You should make a very convincing Nazi." - Spock (mit einer allzu leichtfertigen Äußerung)

Zwar wurde die Episode durch die Behandlung des deutschen Fernsehens zu einem modernen Mythos, damit schob man ihr aber letztlich eine Gewichtung zu, die sie qualitativ in keiner Weise halten konnte. Kennen sollte man sie aber definitiv, da es sich insbesondere mit all diesen Hintergründen um ein interessantes Zeitzeugnis handelt, das einiges über die Rezeption Deutschlands in den USA und auch bezüglich des Selbstbilds der Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten aussagt.

Zum Schluss gibt es noch ein paar Fakten zur Episode:

  • Die inflationäre Verwendung des Wortes „Schwein“ in den Dialogen wirkt unfreiwillig komisch.
  • Witzigerweise hielt sich lange das Gerücht, das ZDF habe Anfang der 1970er-Jahre tatsächlich eine Synchronfassung beauftragt und die Geschichte in Form eines Traums erzählen wollen. Dafür gab es aber letztlich nie Beweise.
  • Fun Fact: Kirk und Spock durften sich mit freiem Oberkörper zeigen. Während Shatner sich die Brusthaare freilwillig entfernen ließ, weigerte Nimoy sich, obwohl Gene Roddenberry persönlich darum gebeten hatte.
  • Als im Dezember 1967 Journalisten am Set der Produktion waren, trugen Nimoy und Shatner die SS-Uniformen. Aufgrund seines jüdischen Hintergrunds weigerte Nimoy sich, Fotos in diesem Aufzug zuzulassen.

Patterns of Force (Schablonen der Gewalt) läuft heute um 14.30 Uhr auf SYFY.

Star Trek

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

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Über den Autor & Gastgeber von Planet Trek fm:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist im Oktober der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Im Dezember startete mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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