News | 3 Tage

Star Trek: Discovery - Rezension zur Episode 3.01 "That Hope Is You, Part I" ("Ein Zeichen der Hoffnung, Teil 1")

Es geht wieder los mit der Crew der USS Discovery! Zum Auftakt ins dritte Serienjahr zelebrieren die Macher visuell eine dicke Portion Star Wars, konzentrieren sich auf ihre Hauptfigur Michael Burnham und lassen es auch an Humor und trekkigem Pathos nicht fehlen. Ein guter Start in die neue Staffel!

Dsc 301 Prev 06

von Björn Sülter

Rund drei Jahre nach dem Auftakt der Serie im September 2017  startet Star Trek: Discovery endlich in die dritte Staffel.

Einen Tag nach Veröffentlichung der ersten Episode That Hope Is You, Part I (Ein Zeichen der Hoffnung, Teil 1) gab CBS überdies bekannt, dass auch schon die vierte Staffel grünes Licht erhalten hat und die Dreharbeiten bereits am 2. November 2020 in Kanada beginnen werden. Für Nachschub ist also auch weiterhin gesorgt!

Wir kümmern uns die nächsten dreizehn Wochen bis ins neue Jahr hinein aber selbstverständlich erstmal ausführlich um die Abenteuer der dritten Staffel. Neben wöchentlichen Rezensionen gibt es wie gewohnt auch die neuen Ausgaben vom Podcast Planet Trek fm.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei.

Dsc 301 Prev 02

Inhalt

Michael Burnham hat den Sprung in die Zukunft geschafft, findet sich jedoch in einer fremden Zeit und Welt wieder, ohne Kontakt zu ihrer Crew. Hilfe verspricht sie sich vom undurchsichtigen Book, dessen Agenda jedoch eher in Richtung zwielichtiger Geschäfte tendiert. Oder etwa nicht? Und was hat es überhaupt mit dem Brand und dem Ende der Föderation auf sich?

FREI

Star Trek: Discovery erfindet sich neu. Klar ist das, seit man die Crew am Ende der zweiten Staffel in eine weit entfernte Zukunft schickte. Die Macher verließen dadurch nicht nur die bisher bespielte Zeit, sondern machten aus ihrem Prequel auch ein Sequel zu allen anderen Serien und Filmen des Franchises.

Fans, die das Schiff oder auch die Machart ohnehin schon immer zu modern fanden, erhalten somit das, was vielleicht von Beginn an eine gute Idee gewesen wäre. Doch wollte der ursprüngliche Showrunner Bryan Fuller bekanntermaßen ein Prequel machen, erhielt aber nie die Chance, seine Ideen selbst mit Leben zu füllen. Nun folgt nach zwei Jahren der radikale Schnitt. Wir befinden uns in einer Zeit, die Star Trek bisher nicht bespielt hat. Die Macher sind nun frei von allen Fesseln. Was werden Sie damit anfangen?

ALLEIN

Zuerst konzentrieren sie sich auf das, was seit zwei Staffeln ohnehin der Fokus der Serie ist: die Figur der Michael Burnham. Wie auch schon im Auftaktzweiteiler zur ersten Staffel kommt die USS Discovery samt Crew nicht vor. Es geht um Michael und das, was nach dem Übergang durch das Wurmloch aus ihr wurde.

Die gute Nachricht für Michael: Sie lebt und auf der trostlos wirkenden Welt soll es auch noch anderes Leben geben. Die Discovery ist indes nicht zu sehen oder zu erreichen. Warum sie dieser Informationscocktail dermaßen zur Eskalation treibt ist zwar nicht ganz klar, vielleicht fällt aber einfach nur der Druck von ihr ab. Wie vereinbart läßt sie also den Anzug zurückreisen (nicht ohne ihn auf Selbstzerstörung zu programmieren), um Spock das versprochene Signal zu senden. Vom Ende der zweiten Staffel wissen wir bereits, dass ihn dieses auch erreichte.

Die schlechte Nachricht: Sie ist nun in einer trostlosen Welt ohne Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen auf sich allein gestellt. Oder?

zu zweit

Nicht wirklich. Schon nach kurzer Zeit (und einem kleinen Fußmarsch) stellt man Michael direkt eine zweite, neue Figur zur Seite: Book, dessen Schiff durch Michael ebenfalls abstürzte, gibt sich von Beginn an wie eine Variante des beliebten Han Solo aus dem anderen Sternenepos. Und es klappt: Die Figur ist sympathisch, witzig und bietet Burnham clever Paroli. David Ajala darf man bereits nach diesen 50 Minuten als Gewinn für die Serie verbuchen.

Seine Rolle besteht aber selbstverständlich auch darin, uns und Michael inhaltlich aufs Laufende zu bekommen und ihren sowie unseren Einstieg in die neue Zeit zu erleichtern. Dabei erwähnt er Dinge, die uns fraglos die ganze Staffel beschäftigen werden: Ein sogenannter "Brand" hat vor über 100 Jahren dafür gesorgt, dass die eigentlich so selbstverständliche Warpfähigkeit nur noch sehr bedingt gegeben ist. Dilithium wurde dadurch gar zu einem sehr seltenen Gut. In der Folge zerbrach die Föderation. Nicht nur Michael ist von dieser Information verständlicherweise geschockt.

Die späte Enthüllung, dass Book nicht wirklich ein Schmuggler ist, sondern bedrohten Tieren hilft, geriet zwar etwas vorhersehbar, rundet das Bild von diesem charmanten Han-Solo-Verschnitt aber ab. Und auch wenn die Serie hier für einige Fans sicher eine Spur zu viel heile Welt spielen mag, ist eben das auch genau die Essenz von Star Trek: das Gute zu finden und Menschen zu folgen, die bewahren, das Richtige tun und ihr Herz am rechten Fleck haben. Auch zeigt diese kleine Sequenz, dass es den Machern um mehr geht als um Zerstörung und Chaos.

Doch hat unser neues Duo derart viel Trubel zu bestehen, dass die damit verbundenen Fragen zunächst größtenteils in den Hintergrund treten.

Dsc 301 Prev 05

die action

Bezüglich des Hauptteils der Episode nahmen es die Macher mit dem Satz "viel hilft viel" ganz schön wörtlich. Nicht nur drehten sie viele Szenen auf Island, was wunderbare Einstellungen ermöglichte, auch die Kulissen, die Effekte, die außerirdische Tierwelt sowie diverse Aliens wie Andorianer, Tellariten, Lurianer oder Orioner hinterlassen einen starken Eindruck. Man darf es erwähnen: Star Trek: Discovery war zwar schon immer visuell überzeugend, mit diesem Auftakt befinden wir uns nun jedoch endgültig im Bereich der Reboot-Kinofilme oder sogar von Star Wars. Einerseits hievt Star Trek sich damit im TV endgültig auf Kinoqualität, andererseits mag die Abkehr vom Bekannten Puristen zu groß sein. Der persönliche Geschmack entscheidet.

Dennoch ist vieles von dem, was unserem Duo passiert, auch ziemlich überkandidelt. Insgesamt wurden einige Dinge zwar noch weiter auf Anschlag geschraubt, die Serie bleibt sich im Kern aber treu. Das gilt für Stärken wie für Schwächen. So gibt die Drogenrausch-Szene Sonequa Martin Green die Chance, Burnham einmal vollkommen anders zu spielen, ihre sonstigen Szenen werden derweil Fans wie Kritikern weiteres Futter liefern. Wer sie bisher bereits mochte wird versorgt, wer mit ihrem Schauspiel nur wenig anfangen kann, dürfte seine Meinung ebenfalls bestätigt sehen.

Auch die ausufernden Schusswechsel samt Verfolgsungsjagden oder Prügeleien sind pures Eye-Candy. Für heutige Sehgewohnheiten ist das jedoch vollkommen normal. Wenn die Story stimmt, darf auch Star Trek mal  laut und knallig sein. Doch tut sie das?

Der brand und die folgen

Um diese Frage zu klären, müssen wir in den Subtext der Episode einsteigen. Viele Informationen liefert man uns freilich (noch) nicht, spannender sind daher Überlegungen zur Zukunft der Handlung.

Die Situation, in der wir und Burnham uns wiederfinden, ist eine vollkommen neue. Die Parameter haben sich grundlegend verändert. Für den Moment wirkt es, als bestünde das Universum nur noch aus versprengten Kulturen, deren Interaktion stark gesunken ist. Ein Grund dafür ist natürlich auch das Fehlen (oder Schrumpfen) des Einflusses der Föderation. All das erinnert freilich an eine andere Serie, die auf Gene Roddenberrys Ideen basiert: Andromeda. Es muss jedoch abgewartet werden, wie ähnlich sich die Formate letztlich werden.

Höchst relevant ist hier natürlich auch die letzte Szene in der verlassenen Station der Sternenflotte. Adil Hussain, der in Indien ein Megastar ist, spielt die Rolle des Aditya Sahil mit Hingabe und einer Emotionalität, die einfach ergreift. Man beachte als Beispiel die Szene, in der Burnham ihm für seinen Einsatz dankt. Hussain legt so viel in so wenig, spielt nur mit seinen Augen und minimalen Gesten und sagt damit alles was nötig ist. Großartig!

Freilich ist die Sequenz aber nicht frei von Pathos. Wenn man ehrlich ist, schwingen die Macher gar die ganz große Kelle. Dennoch ist es eben auch das, was Star Trek ausmacht. Sollten die Autoren hier den Schlüssel zu einer guten Geschichte gefunden haben und zukünftig wirklich etwas aussagen wollen, ist dieser Anfang in jedem Fall passend geraten. Nur die Zeit wird es zeigen. Star Trek: Discovery konnte bisher weder im ersten noch im zweiten Jahr die eigene Prämisse durchgehend überzeugend mit Leben füllen. Hoffen wir einfach, dass aller guten Dinge drei sind.

Die große Chance

Star Trek war immer dann besonders gut, wenn man Probleme unserer eigenen Geschichte oder Gegenwart in die Zukunft transportierte und uns den Spiegel vorhielt. Ob es diesmal Absicht oder Zufall ist muss man zwar offen lassen, die angerissenen Themen bieten jedoch potenten Stoff für verschiedene Überlegungen. Die Föderation und die Sternenflotte stellten immer ein Korsett dar, in dem alle Figuren sich bewegen konnten. Die damit verbundenen Strukturen waren größtenteils verlässlich. Nun jedoch ist alles anders. Was bedeutet das für die verschiedenen Spezies? Was bedeutet es für die Menschen, die Vulkanier, die anderen Gründungsmitglieder der Föderation oder auch die Gegner?

Transportieren wir das Thema in unseren Alltag, stehen wir vor ganz ähnlichen Fragen. Nicht nur bedroht aktuell eine Pandemie unseren Alltag und unsere Gesundheit, auch die sozialen Kontakte reduzieren sich und der Umgang mit dieser Krise fordert in besonderem Maße unsere Gesellschaft heraus, die zunehmend zerrissen wirkt. Politker werden in Zweifel gezogen, Motivationen hinterfragt, großangelegte Verschwörungen vermutet. Hinzu kommen Strömungen politischer Natur, die uns bereits seit einiger Zeit zu schaffen machen. Was, wenn die gesellschaftlichen Strukturen, an die wir unser ganzes Leben gewöhnt sind und in die wir unsere Kinder hineingeboren haben, irgendwann zusammenbrechen? Was, wenn sich die Lebensumstände auch in Europa grundlegend ändern würden?

Star Trek: Discovery spiegelt hier unter Umständen hochaktuelle und brisante Ereignisse und könnte uns viel Stoff zum Nachdenken bieten; zumindest dann, wenn die Autoren diese Chance gesehen haben und in der Lage waren, ihren Ansatz wirklich konsequent durchzuspielen und keinem Effektgewitter oder klischeehaftem Mumpitz zu opfern. Die Chance auf etwas Großes ist da. Drücken wir die Daumen, dass Star Trek uns ein weiteres Mal abholt und zeigt, dass es noch etwas zu sagen hat. Wie bereits gesagt: Wenn es dabei dann auch mal laut, lustig, bunt und verrückt wird, ist sicher nichts dagegen einzuwenden.

Dsc 301 Post 01 Scaled

Dies & Das

  • Book erwähnt die Temporalen Kriege und spielt damit bestimmt auf das an, was wir in Star Trek: Enterprise erlebt haben. Ein schöner Verweis.
  • Cosmos ist ein Betelgeusianer. Diese Spezies wurde für den ersten Kinofilm erdacht.
  • Der Cosmo-Darsteller David Benjamin Tomlinson spielt sonst auch das Alien Linus.
  • Die Andorianer wurden erneut ein wenig verändert.
  • Neben Andorianern, Orionern und Tellariten sehen wir auch einen Lurianer. Dabei handelt es sich um die Spezies von Morn aus DS9.
  • Gedreht wurden die Außenaufnahmen weitestgehend auf Island.

Fazit

Die Macher tasten sich mit der ersten neuen Episode vorsichtig an das Setting heran, konzentrieren sich dabei ganz auf die Rolle der Michael Burnham in dieser neuen Welt und lassen uns bei all dem großformatigen Treiben, das an die Trek-Reboot-Filme, Star Wars oder auch die MCU-Streifen erinnert, fast vergessen, dass sich im Hintergrund der Handlung eine potenziell spannende und äußerst trekkige Geschichte entspinnt, die in den letzten Minuten der Episode gar mit der Pathos-Brechstange in den Vordergrund drängt. Star Trek erhält dadurch ein weiteres Mal die Chance auf topaktuelle und relevante Überlegungen zur Welt in der wir leben.

Humor, Action und eine interessante, neue Nebenfigur lassen zudem keine Langeweile aufkommen. Der Start ist geglückt. Wie immer wird jedoch primär der weitere Umgang mit den angerissenen Themen über die wirkliche Qualität der Rahmenhandlung entscheiden. Für den Moment ist der Auftakt jedoch genau das, was er wohl auch sein möchte: Ein gelungener Appetizer für den Rest der Staffel.

*

In gut einer Woche geht es weiter mit den Rezensionen zur dritten Staffel von Star Trek: Discovery.

Dsc S3teasesoon Head