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Star Trek: Discovery - Rezension zur Episode 3.04 "Forget Me Not" ("Vergiss mich nicht")

Die vierte Episode der dritten Staffel bringt Ruhe in die Handlung, führt uns an bekannte Orte und leistet sehr gute Arbeit in Sachen Innenleben der Figuren.

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von Björn Sülter

Rund drei Jahre nach dem Auftakt der Serie im September 2017 startete vor einigen Wochen Star Trek: Discovery in die dritte Staffel. Wir kümmern uns bis ins neue Jahr hinein ausführlich um die Abenteuer der Crew. Neben wöchentlichen Rezensionen gibt es wie gewohnt auch die neuen Ausgaben vom Podcast Planet Trek fm.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei.

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Inhalt

Um Adira beim Zugriff auf die Erinnerungen des Tal-Symbionten zu helfen, reist die Crew der USS Discovery nach Trill, wird dort jedoch zunächst alles andere als herzlich empfangen.

Derweil möchte Captain Saru seiner Crew beim Heilen der Wunden helfen und veranstaltet eine kleine Dinner-Party, die mächtig in die Hose geht ...

Lieber Doktor

Viele Fans werden sich bestimmt an die großartige Episode Dear Doctor (Lieber Doktor) aus Star Trek: Enterprise erinnern, in der Dr. Phlox uns an seiner ganz eigenen Sichtweise über die Crew sowie die aktuelle Mission in Form von Briefen an einen Kollegen teilhaben ließ. Hier nun darf Dr. Culber zwar keine Briefe schreiben, wird aber ebenso wie einst der Denobulaner von der NX-01 zum emotionalen Zentrum einer Episode, die sich wie kaum eine andere zuvor mit den Befindlichkeiten der Crew befasst. Darin liegt auch eine zweite Parallele zu den Abenteuern von Captain Archer: Nach dem großen Xindi-Angriff in der dritten Staffel, nahm man damals das Tempo raus und präsentierte zwei fast meditative Episoden, die uns an den Gefühlen der Protagonisten teilhaben ließen (Damage/Beschädigungen und The Forgotten/Die Vergessenen). Hier nun wird uns der laufende Heilungsprozess nach dem Sprung in die Zukunft vor Augen geführt; mit Dr. Culber als Wanderer zwischen den Kolleginnen und Kollegen, der mit feinen Antennen die Schwingungen an Bord aufnimmt, kommentiert und weit über medizinische Hilfe hinaus aktiv wird.

Darsteller Wilson Cruz dürfte es besonders freuen, dass sein eigentlich bereits um die Ecke gebrachter Charakter ein derartiges Comeback erleben konnte und hier nun endgültig in den Fokus rückt. Sogar einen Logbucheintrag durfte er diesmal sprechen!

Ausgerüstet mit dieser Rahmenhandlung war es den Machern möglich, auf zwei Ebenen zu erzählen, ohne der Geschichte den Zusammenhalt zu rauben, denn letztlich geht es überall, auf Trill, auf der Discovery und sogar ganz allgemein in dieser neuen Zeitlinie um die gleichen Themen: Zusammenhalt, Wiedervereinigung und emotionale Stabilität.

Saru gibt alles

An Bord folgen wir neben Dr. Culber auch noch Neu-Captain Saru, der sich nicht nur um seine Schäfchen sorgt, sondern auch gerne aktiv werden würde. Seine Befragung des Schiffscomputers, der mit Allgemeinplätzen glänzt, wirkt dabei noch ein wenig unbeholfen. Doch dient die Szene letztlich dazu, dass der Computer plötzlich die Stimme wechselt und auch in vollkommen anderer (irgendwie vertrauter) Art mit dem Kelpianer spricht. Richtig gehört: Zora (alias Annabelle Wallis) aus Calypso, dem Short Trek von Michael Chabon, kehrt zurück und gibt uns einen ersten Hinweis darauf, dass die dort gezeigte Geschichte rund um Craft eben doch noch eine Rolle spielen wird. Mit der formbaren Materie haben die Macher zudem bereits andere Aspekte des Short Treks eingeläutet. Spannend ist in diesem Zusammenhang übrigens auch, dass Craft somit definitiv ein Gegner der Föderation war: Schließlich hatte er zehn Jahre gegen die V'draysh gekämpft! Ein witziger und cleverer Dreh für die Geschichte, bei der man direkt mit Craft sympathisiert hatte.

Ein wenig verwunderlich ist nur Sarus tiefenentspannte Reaktion, als er stoisch auf die Veränderung reagiert und keine Anstalten macht, dieser merkwürdigen Situation nachzugehen. Erst später erklärt er Culber mit knappen Worten (die eher einem Philosophen gut zu Gesicht stehen würden) seine Theorie. Der Doktor schaut dabei übrigens genauso verwirrt aus der Wäsche, wie es wohl die meisten würden. Saru denkt, dass die Sphärendaten im System der Discovery versuchen würden, zu helfen. Das mag zwar durchaus sein, sollte sich aber vielleicht mal ein Ingenieur anschauen. Sowas kann ja schnell auch mal schlimmer ausgehen, gell?

Allerdings schafft es Zora jedoch wirklich, Saru zu helfen; zumindest in zweiter Instanz. Zunächst setzt er nämlich ein Essen an, das frappierend an die vielen Weihnukka-Desaster aus der Serie The OC erinnert. Der gute Wille ist da, die Stimmung jedoch schnell im Keller. Stamets hatte kurz zuvor Tilly auf äußerst unsensible (und auch unpassende) Weise niedergemacht und Detmer steht ohnehin weiterhin komplett neben sich. Schnell eskaliert die Situation und ehe Saru sich versieht, ist er ganz allein am Tisch. Dabei macht er leider auch nicht die beste Figur. Wirkte er in seiner Suche nach Lösungen noch bemüht, kommt hier pure Hilflosigkeit durch. Weder reagiert jemand auf seine Aufforderung sich zu benehmen, noch hinterfragt irgendwer, ob es in Ordnung ist, einfach den Tisch zu verlassen. Respekt vor dem Captain sieht irgendwie anders aus. Schade war auch, dass beispielsweise Jett Reno hier fehlte, Georgiou aber mit dabei war und ihre albernen One-Liner absondern durfte. An dieser Stelle geht es vermutlich immer mehr um Drehpläne, als um innere Logik. Ähnlich verhielt es sich ja auch, als Dr. Culber in der dritten Episode nicht beim Team mit dabei war, das die Erde besuchte. Kein Drama, aber erwähnenswert.

Am Ende holt Saru seine Crew aber doch noch emotional ab, indem er einen Filmabend im Shuttle-Hangar veranstaltet, eine dritte Parallele zu Star Trek: Enterprise. Stamets konnte sich derweil bei Tilly entschuldigen und Detmer zumindest einen Schritt auf Dr. Culber zugehen. So darf es weitergehen!

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LOVE OF MY LIFE

Während an Bord also gezankt und gelacht wird, geht es auf Trill um die ganz großen Gefühle. Dass Michael als Mentorin für Adira mitfliegt, passt auch zu ihrer emotionalen Abkopplung von der Crew nach dem Jahr allein in der Zukunft. Burnham ist noch nicht wieder ganz zuhause angekommen. Sonequa Martin Green liefert aber erneut eine starke Performance ab, die unterstreicht, dass die Kniffe an der Figur offenbar wirklich gewollt sind und sich auszahlen. Auch Blu de Barrio glänzt als Adira.

Der Trip nach Trill wirkt wie ein Rücksprung in die Neunziger, als Star Trek noch auf eine ganz andere Art und Weise Geschichten erzählte. Die Dialoge, die Kulissen und die Kostüme bringen uns mitten hinein in das, was man gerne als Kanon bezeichnet und zeigen in der Summe den festen Willen der Macher, ihre Serie immer mehr zum Teil der großen Erzählung zu machen. Dabei werden dann auch gerne altbekannte Klischees bedient, wie der sture Bürokrat, die religiöse Hardlinerin oder der Abtrünnige, der am Ende recht behält.

Wichtiger ist aber ohnehin, dass man Adira den Zugang zu Tal ermöglicht, was durch eine zwar äußerst kitschige, aber doch effektive und phantasievolle Szene gelingt, in der natürlich mal wieder nichts ohne Michael geht, die aber dennoch überzeugt; auch weil Ian Alexander als Gray einen starken, ersten Auftritt hinlegt. Wie es in dieser Sache weitergeht und ob Gray noch auf irgendeine Weise lebt oder nur in Adiras Kopf existiert, muss man abwarten. Für den Moment ist Adira geholfen worden und die Crew erhält die Koordinaten der Föderation. Es kann also weitergehen mit der Schnitzeljagd.

BACK TO THE NINETIES

Doch kommen wir noch einmal kurz auf die Machart der Episode zurück. Bereits der erste Doppelpack der Staffel zeigte das Interesse der Macher, die Figuren deutlicher herauszustellen. Insbesondere die zweite Episode machte sich um das Kollektiv auf dem Schiff verdient. Danach erlebten wir dann einen entschleunigten Trip zur Erde, der bereits auf sehr klassische Trek-Art durchgespielt wurde. Hier nun steigerte man dieses Flair noch, was zu einem Abenteuer führt, das in jeder der alten Serien nicht weiter aufgefallen wäre; im Positiven! Man möge das nicht falsch verstehen: Zu einem großen Höhepunkt reicht es zwar nicht, die Episode hat aber das Herz am rechten Fleck, bleibt konsequent in der Spur und jongliert die Themen der Staffel auf überlegte Weise. Daran gibt es nichts auszusetzen.

Noch kann man sicher keine Prognose für die restlichen neun Episoden abgeben, für den Moment hat Star Trek: Discovery aber einen neuen Groove gefunden, der bei genauerer Betrachtung fast schon absurd wirkt. Denn: Man musste 930 Jahre in die Zukunft reisen, um wieder klassisches Star Trek zu erzählen! Die Ironie in dieser Entwicklung wird sicher kaum jemandem entgehen.

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Dies & Das

  • Was ist mit dem Dilithium der Discovery passiert? Hat die Crew es auf der Erde gelassen? Oder bei Book? Saru tut in jedem Fall so, als könne man ohne Sporenantrieb nicht reisen.
  • Bajoranisches Hasperat wird durch Adira erwähnt.
  • Michael hat sich eine Datenbank über den Brand aufgebaut; diese wird sicher später noch zum Einsatz kommen.
  • Die veränderte Stimme des Computers gehört im Original Annabelle Wallis, die auch im Short Trek mit dem Titel Calypso die KI der Discovery gesprochen hat.
  • Die vorherigen Wirte von Tal waren Kasha, Jovar, Madela, Cara, Senna und Gray.
  • Admiral Senna Tal wird von Kenneth Welsh gespielt, den viele Fans sicher aus Twin Peaks kennen.
  • Die Höhlen von Mak’ala auf Trill kennen wir bereits aus Star Trek: Deep Space Nine

Fazit

Überraschend: Mit der vierten Episode nehmen die Macher noch mehr Geschwindigkeit raus, was den Figurenzeichnungen und dem Ankommen in der Staffelhandlung sehr zugute kommt. Fast wirkt Forget Me Not dabei wie eine Hommage an klassische Star-Trek-Episoden und fokussiert sich gekonnt auf das Innenleben der Besatzung, Humor, Gefühle und die Mythologie hinter einer beliebten Spezies.

Nebenbei erhalten wir die bisher beste Culber-Episode der Serie, die den Doktor von seiner empathischen Seite zeigt und uns verdeutlicht, dass mehr Star Trek in der Serie steckt, als viele wahr haben wollen.

Mit den bisherigen vier Episoden des dritten Jahres ist Star Trek: Discovery auf Kurs, das vielleicht beste Jahr der bisherigen Serie abzuliefern: Dranbleiben und Daumen drücken!

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In wenigen Tagen geht es bereits weiter mit den Rezensionen zur dritten Staffel von Star Trek: Discovery.

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