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Star Trek: Discovery - Rezension zur Episode 3.05 "Die Trying" ("Die Bewährungsprobe")

Die fünfte Episode betreibt gutes Worldbuilding und lässt uns Seite an Seite mit der Crew die Wunder der Zukunft bestaunen. Dass die Autoren jedoch wiederholt der Meinung sind, es ginge nicht ohne Michael Burnham, lässt die so schöne Fassade fast einbrechen.

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von Björn Sülter

Rund drei Jahre nach dem Auftakt der Serie im September 2017 startete vor einigen Wochen Star Trek: Discovery in die dritte Staffel. Wir kümmern uns bis ins neue Jahr hinein ausführlich um die Abenteuer der Crew. Neben wöchentlichen Rezensionen gibt es wie gewohnt auch die neuen Ausgaben vom Podcast Planet Trek fm.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei.

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Inhalt

Die Crew der USS Discovery erreicht den geheimen Hauptsitz von Föderation und Sternenflotte und muss sich zunächst mit den neuen Gegebenheiten auseinandersetzen. Eine dringende Mission hält jedoch schnell eine Bewährungschance bereit ...

wOW!

Nach dem etwas kurzen Trip zur Erde in der dritten Episode, der die neue Welt 930 Jahre in der Zukunft auf die Golden Gate Bridge und einen alten Baum reduzierte, erleben wir nun die wahren Wunder dieser Zeit. Episch gelingt der Eintritt in den Sicherheitsbereich von Föderation und Sternenflotte, glaubwürdig die Weiterentwicklung dessen, was wir insbesondere aus den Serien der 80er- bis 2000er-Jahre als Raumbasen oder Hauptquartier kannten.

Die Macher lassen die Crew dann auch angemessen staunen und begeistert eskalieren. Überlegt man sich, wieviel Druck in diesem Moment von allen abfallen muss, kann man die übersteigerte Stimmung auch absolut nachvollziehen. Vergisst man jedoch, was die Crew alles hinter sich und aufgegeben hat, könnte man auch den Einfluss von Drogen vermuten; insbesondere in Momenten wie dem, wo Tilly den Gag vom "fliegenden Regenwald" raushaut und alle in einen Lachflash ausbrechen. Erfreuen wir uns aber einfach mit der Crew an dieser neuen Welt, die insbesondere den Effektspezialisten überzeugend gelingt. Schön sind dabei natürlich auch Raumschiffe wie die neue Constitution-Klasse, die USS Nog (im Gedenken an Aron Eisenberg) oder die USS Voyager mit dem Buchstaben "J", die sich gar nicht so sehr verändert zu haben scheint, wie elf Generationen es vermuten lassen könnten.

Auch was die neuen Figuren angeht, kann man der Episode nur Lob zollen: Oded Fehr ist grandios als Admiral Vance, Regisseur David Cronenberg als Ermittler Kovich spektakulär.

Das wichtigste jedoch: Diese Zukunft ist glaubwürdig, technisch grandios umgesetzt und läßt uns glauben, dass der Zeitsprung wirklich stattgefunden hat: Klasse!

Dies & DAS

Interessant sind auch noch zwei Informationen, die im Vorbeigehen geliefert werden: Offenbar waren die Bemühungen in der Vergangenheit von Erfolg geprägt, da laut Vance die USS Discovery zerstört wurde und sich in den Aufzeichnungen auch nichts über den Sporenantrieb, den Roten Engel oder Control findet. Saubere Arbeit der Damen und Herren!

Erneut wird auch Star Trek: Enterprise zu später Ehre verholfen, da der Temporale Kalte Krieg Erwähnung findet, als Vance erklärt, die Discovery-Crew hätte genaugenommen gegen die temporalen Richtlinien verstoßen.

Von Ex-Toten, Keksen & blonden Haaren

Einen kurzen, aber durchaus wichtigen Teil der Episode stellt das Debriefing dar, dem die Crew sich unterziehen muss. Dieses wird jedoch arg reduziert vorgeführt und ist primär auf Lacher aus. So darf Dr. Culber sympathisch von seinem Tod berichten, Stamets auf den Streit mit Detmer zurückkommen, Tilly an ihre Zeit als Captain Killy erinnern und Reno nach Knabbersachen und einem Getränk verlangen. Wirklich gehaltvoll ist das alles nicht, zeigt aber auf, wie verrückt diese Crew auf die Menschen der Zukunft wirken muss.

Als Saru und Burnham zu Beginn herübergebeamt wurden, sollte übrigens auch Adira sie begleiten, da Admiral Vance ein enges Verhältnis zu Ex-Wirt Senna Tal unterhielt. Etwas sonderbar mutet dabei an, dass die junge Frau zwar explizit zu näheren Untersuchungen geleitet wird, im Rest der Episode dann aber nichts mehr von ihr zu sehen oder zu hören ist. Vielleicht hätte man diesen Handlungsstrang lieber direkt in ein späteres Abenteuer verschoben; auf die hier gezeigte Weise wirkt es, als habe man die Fortführung schlicht vergessen.

Den meisten Raum erhält das Debriefing von Georgiou, die sich zunächst zwei Hologrammen gegenübersieht und diese nach kurzer Zeit deaktiviert. Ein stiller Beobachter mit markanter Brille (kein Geringerer als der bereits erwähnte David Cronenberg in einem überraschenden Auftritt) übernimmt und zeigt sich nicht nur fasziniert von der Ex-Imperatorin, sondern weiß auch bestens über das Spiegeluniversum bescheid. Man könnte fast vermuten, dass es sich bei Kovich um den aktuellen Chef von Sektion 31 handelt. Sollte das stimmen, ergäbe sich an dieser Stelle die perfekte Gelegenheit, Georgiou in ihre eigene, neue Serie zu transferieren. Mit der Erkenntnis, dass es sich bei der Verbindung zu Michael um ihren Schwachpunkt handelt, hat man ihren Abschied in jedem Fall bereits angesetzt.

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Immer wieder Burnham

So schön das bisher alles klingt, gibt es leider auch ein paar Nackenschläge zu verkraften. Nach zwei Episoden, in denen man sich der Hoffnung auf Besserung an der Burnham-Front hingeben durfte, verfallen die Macher hier nun leider wieder in alte Muster. Michael ist von der ersten Minuten an besserwisserisch, ungeduldig, vorlaut, arrogant, selbstherrlich und feindselig. Damit reißt man gewissermaßen alles ein, was man zuvor aufgebaut hat. Das hier ist wieder genau die Michael Burnham, die ihren Captain hinterging und dafür ins Gefängnis kam, die Michael Burnham, die weder Regeln, noch Verfahrensweisen oder Autoritäten anerkennt. Sie lässt sich zwar zumindest ein wenig im Zaum halten, man spürt jedoch wie es in ihr brodelt. Respekt vor dem Admiral, dieser neuen Welt oder ihrem Captain sucht man vergeblich. Nicht nur Saru merkt an, dass er gehofft hatte, sie wäre darüber hinaus.

Ja, es ist offensichtlich, dass die Autoren die Figur auch weiherhin auf diese Weise sehen. Und ja, es ist offensichtlich, dass sie Saru als Stimme der Vernunft und Gegengewicht einzusetzen versuchen. Leider kommt es am Ende aber immer wieder auf die schlichte Erkenntnis heraus: Michael hat immer recht. Sie rettete das Schiff in der zweiten Episode, sie klärte den Konflikt in der dritten Episode, sie half Adira auf Trill durch ihre schwere Zeit und ist nun diejenige, die die rettende Idee hat, die Mission leitet und Dr. Attis überzeugt. Bei dieser Kette von Erfolgen ist es letztlich irrelevant, ob die Autoren anderen Figuren kritische Töne über ihr Verhalten zuschreiben; solange sie weiterhin erfolgreich ihre Selbstherrlichkeit ausleben darf, wird sich am Grundproblem nichts ändern. Unken wir, wird Michael den Brand aufklären (was in 120 Jahren den klügsten Köpfen nicht gelang), Sternenflotte und Föderation in eine bessere Zukunft führen und vermutlich auch noch ihre Mutter finden. Am Ende steht dann die Beförderung zum Captain. Oder kommt doch alles ganz anders? Sonequa Martin Green kann einem schon irgendwie leid tun. Dass sie es besser kann, durfte sie die letzten Episoden beweisen. Wenn das Material jedoch wie hier ausfällt, hat sie schlicht keine Chance. Jett Reno nennt die Crew an einer Stelle "dysfunktional". Wenn das auf irgendetwas in dieser Serie zutrifft, dann auf Burnham. Seit Wesley Crusher gab es keine Trek-Figur mehr, die Kern so falsch konzipiert wurde wie diese.

JEtzt drehen alle durch

Leider weitet sich das Burnham-Problem diesmal auch auf das Denken der Macher in Bezug auf die USS Discovery in ihrer Gesamtheit aus. Ja, sie haben den Sporenantrieb und somit definitiv einen echten Mehrwert zu bieten. Dass man aber mit einer Wissenslücke von 930 Jahren auftaucht und in der aktuellen Krise sofort bessere Ideen parat hat als alle anderen, strapaziert die Glaubwürdigkeit schon enorm. Warum lässt man die Crew nicht erstmal ankommen? Dass eine Bewährungsprobe auftauchen würde ist absolut logisch, dass diese allerdings bereits nach fünf Minuten eintritt und direkt zum gewünschten Ergebnis führt, macht weniger Spaß. Admiral Vance wird dadurch auch vom Hardliner (Schiff wird beschlagnahmt, Crew wird neu verteilt) zum Schoßhündchen. Klar ist Sarus Rede treffend und verschafft der Figur einen starken Moment; das Ganze hätte aber definitiv etwas weniger übereilt vonstatten gehen dürfen.

Zusammengefasst: Ja, die Crew der USS Discovery ist cool, kompetent und hat einiges drauf. Darauf können wir uns gerne einigen. Wie bei Michael Burnham hilft dieses Überhöhen jedoch nicht. Die Macher kennen hier leider viel zu selten Grauschemen und verfallen in pure Schwarz-Weiß-Malerei.

Im Prinzip müsste das Urteil von Vance nach dem Kennenlernen und den Debriefings lauten: Nichts von den wirren Geschichten lässt sich verifizieren, vieles klingt vollkommen verrückt, die Pilotin hat definitiv psychische Probleme, der erste Offizier ist aufmüpfig und der Antrieb sollte dringend erforscht werden. Ergo: Schiff behalten, Crew ankommen lassen, weitersehen. Doch muss leider aus dramaturgischen Gründen alles viel schneller gehen. Bleiben wir also gespannt, auf was für Missionen er die Crew in Zukunft schicken wird.

Die erste Mission

Nimmt man diese grundsätzlichen Überlegungen zum Zustandekommen der aktuellen Mission einmal beiseite, spielt sich diese immerhin routiniert ab. Michael Burnham schlüpft in Sarus Abwesenheit direkt in die Rolle der Anführerin und gibt uns einen dezenten Vorgeschmack auf eine potenzielle Zukunft, in der sie auch final Captain des Schiffes werden könnte. Irgendwie wird sie Saru doch loswerden können!

Das Innenleben der USS Tikhov setzte man überzeugend um und die Geschichte rund um Dr. Attis und seine Crew hätte vermutlich auch genug Stoff und Mysterium für eine Einzelepisode geboten. Hier muss es aber natürlich ebenfalls schnell gehen. Dr. Culber erhält somit leider keine wirkliche Aufgabe und schiebt dann im entscheidenden Moment auch noch Burnham den wichtigen Job zu, Dr. Attis zu bekehren, obwohl er als empathiebegabter Arzt dafür prädestiniert wäre. Das gleiche hat er übrigens auch schon in der vergangenen Episode gemacht, als er eigentlich viel besser geeignet gewesen wäre, Adira zu begleiten, aber Burnham schickte. Er hat offenbar längst erkannt, dass - egal worum es geht - Michael es einfach immer einen Tick besser kann. Es ist aber zumindest schön, dass die Autoren Wilson Cruz nun häufiger einsetzen. Nebenbei bemerkt hätte Admiral Vance Michael die nötigen Zugriffscodes vermutlich auch einfach mitgeben können, aber Schwamm drüber.

Auch Nhan darf primär deswegen teilnehmen, weil die Besatzung des Schiffes aus Barzaner besteht (und sie natürlich am Ende dortbleiben soll). Michael ist in diesem kleinen Team erneut diejenige, um die sich alles dreht. Dazu gehört natürlich auch, dass Nhan uns bei der emotionalen Verabschiedung nochmal daran erinnert, wie toll Mrs. Burnham ist, was zu einem weiteren Weinkrampf seitens des ersten Offiziers führt. Jaul.

ALL ALONG THE WATCHtower

Bleibt noch die Melodie, die Michael an Bord der Tikhov wiedererkennt und die Adira zuvor bereits gespielt hat. Erinnerungen an die Cylonen aus Battlestar Galactica werden wach, doch wohin soll das hier führen? Die Verbindung zwischen Adira, den Trill, den vorigen Wirten und den Barzanern von der Tikhov ist nicht wirklich erkennbar. An dieser Stelle darf munter gerätselt werden. Wenn es ganz schlimm kommt, handelt es sich um das Schlaflied, welches Michaels Mum ihr immer vorgesungen hat und das sich jetzt durch den von Mama verursachten Brand galaxieweit als Nachricht an Michael manifestiert. Okay, okay, wir wollen nicht das Schlimmste annehmen.

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Dies & Das

  • Kaminar ist wie auch Barzan der Föderation beigetreten.
  • Nur noch 38 Mitglieder umfasst die Föderation. In der Spitze waren es mal 350.
  • Die USS Tikhov ist vermutlich nach dem Astrophysiker Gavriil Adrianovich Tikhov benannt.
  • Wir hören hier das erste Mal in Star Trek die Sprache der Barzaner.

Fazit

Nomen est Omen: Der Originaltitel Die Trying stellt eine adäquate Beschreibung dessen da, was die Macher uns vorführen: Die Episode stirbt beim wiederholten Versuch, uns Michael Burnham als unfehlbare, überintelligente Superheldin ohne Grenzen vorzuführen und überhöht in diesem Zuge sogar noch die gesamte Crew der Discovery auf eine kaum mehr glaubwürdige Weise.

Dass der Rest der knappen Stunde, vom grandiosen Worldbuiliding über die fantastischen Gastdarsteller bis hin zu Humor, Optik und der interessanten Mission so gut gelingt, ist das eigentliche Ärgernis. Mit etwas mehr Augenmaß hätte die Episode etwas Großes werden können; da sie jedoch auf alte Schwächen zurückfällt und an einigen Stellen schlicht falsch abbiegt, reicht es nur zu einer moderaten Empfehlung.

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In gut einer Woche geht es weiter mit den Rezensionen zur dritten Staffel von Star Trek: Discovery.

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