News | 2 Monate

Star Trek: Discovery - Rezension zur Episode 3.06 "Scavengers" ("Aasgeier")

Die sechste Episode überrascht mit vielen richtigen Entscheidungen und starken Charakterszenen und löst für den Moment sogar ein Problem, das die Serie seit einiger Zeit mit sich herumschleppt.

Dsc 306 Post 06

von Björn Sülter

Rund drei Jahre nach dem Auftakt der Serie im September 2017 startete vor einigen Wochen Star Trek: Discovery in die dritte Staffel. Wir kümmern uns bis ins neue Jahr hinein ausführlich um die Abenteuer der Crew. Neben wöchentlichen Rezensionen gibt es wie gewohnt auch die neuen Ausgaben vom Podcast Planet Trek fm.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei.

Dsc 306 Prev 14

Inhalt

Nach drei Wochen Umbauarbeiten ist die neue USS Discovery bereit für ihren Dienst in der Flotte. Doch sorgt sich Michael um Book und möchte ihm helfen. Da Saru ihr den Wunsch jedoch verweigert, begibt sie sich mit Georgiou auf eine nicht autorisierte Mission...

Das upgrade

Der kleine Zeitsprung von drei Wochen stellt sich schnell als dramaturgisch nötig heraus, schließlich war man offenbar nicht untätig. Die USS Discovery erstrahlt in neuem Glanz und wird fortan mit dem Zusatz "A" der Flotte angehören.

Zu den Upgrades der Crew gehören persönliche Transporter, programmierbare Materie, ein neues Interface für Stamets und andere Spielereien, aber erstaunlicherweise keine neuen Uniformen. Das Schiff erhielt gleich divese Veränderungen, von denen einige deutlich weniger Sinn ergeben (nicht mit dem Schiff verbundene Gondeln oder das Entfernen der Gänge im Ring der Untertassensektion) als andere, aber immerhin für den Coolness-Faktor genutzt werden können.

Wenig nachvollziehbar ist nur, dass die Brückencrew wie am Heiligabend die neuen Installationen erst sehen darf, nachdem sie einsatzfähig gemacht wurden. Es wäre vielleicht auch sinnvoll gewesen, alle direkt in den Prozess mit einzubeziehen, oder? Aber was solls. Hier spielen die Autoren den Aha-Effekt aus, ebenso wie in der Sequenz mit Vance und den Captains, in der der Sporenantrieb plötzlich zur Sprache kommt. Wie heißt es so schön? Written for dramatic purposes. Schwamm drüber. Wenn der Rest so gut gelingt wie diesmal, kann man darüber hinwegsehen. Doch dazu später mehr.

Täglich grüsst das murmeltier?

Räumen wir lieber erstmal mit einem Problem auf, das auch in der dritten Staffel bisher nicht aus den Geschichten verschwunden ist: Michael Burnham und ihre sehr eigene Auslegung von Regeln, Befehlen und Verantwortungsgefühl. Seit Saru zum Captain der Discovery wurde und sie sich ihm als erster Offizier unterordnete, ließ sie schon diverse Male in kurzer Zeit den nötigen Respekt vor der Autorität des Kollegen vermissen. Hier nun kommt es zu einer Situation, die man aus verschiedenen Blickwinkel bewerten muss. Zunächst geht es nur um eine Mission, Book zu finden. Dieser hatte ihr sein Schiff, die Katze und eine Nachricht zukommen lassen. Michael fühlt sich für den Freund verantwortlich und möchte helfen. Dass Saru ihr diese Bitte abschlägt ist natürlich hart, aus seiner Sicht aber auch verständlich. Er möchte, dass die Discovery-Crew sich beweist. Admiral Vance benötigt das Schiff für eine wichtige Mission und Michael wird gebraucht. Ende der Durchsage.

Nun wäre Michael jedoch nicht Michael, wenn sie das so einfach akzeptieren würde. Schließlich geht es nicht nur um Book, sondern auch noch um eine Suche, die sie offenbar schon ein ganzes Jahr umtreibt (von der sie aber bisher mal wieder keinem, nicht mal Saru, etwas erzählt hat). Michael sammelt Blackboxen von zerstörten Schiffen, um den Brand zu untersuchen. Dabei fiel ihr auf, dass nicht alle Schiffe gleichzeitig dem Phänomen zum Opfer fielen. Doch was bedeutet das? Und warum ist das außer Michael bisher niemandem aufgefallen? Die Macher strapazieren hier mal wieder die Glaubwürdigkeit, weil es Michael Burnham braucht, um überhaupt auf so eine Idee zu kommen. Nun ja.

Und wirklich macht sie sich direkt auf, um Georgiou zu einer nicht genehmigten Mission zu überreden. Gemeinsam brechen die beiden also gegen die Befehle des Captains auf, um Book zu retten. Wie die beiden mit dem Schiff die Discovery und den Schutzbereich unbemerkt verlassen? Geschenkt. Die Autoren kümmern sich einfach nicht um solche Fragen und überspielen sie lieber mit einem gewissen Mut zur Lücke. Diese Erkenntnis ist nicht neu und dürfte für die meisten kein allzu großes Problem mehr darstellen. Was jedoch Michaels Verhalten angeht, handelte es sich nur um ein weiteres Glied in der langen Kette von Verstößen gegen die klaren Ansagen ihrer Vorgesetzten. Am Ende der Episode kann man das Gesehene dann aber definitiv neu bewerten. Doch auch dazu kommen wir später noch.

Dsc 306 Prev 10

trip zum schrottplatz

Was die Rettungsmission angeht, kann man das Gezeigte auf zwei Erkenntnisse herunterbrechen: optisch wow, inhaltlich miau (Gruß an Groll). Soll heißen: Das Setting begeistert und bietet im direkten Vergleich der visuellen Klasse von The Mandalorian erfolgreich die Stirn, das Wiedersehen mit Book ist erfreulich, Georgiou hat ihren besten Auftritt seit gefühlten Ewigkeiten (was keinen Kalauer über den Sprung 930 Jahre in die Zukunft darstellt) und das bunte Treiben in der Anlage trägt enorm zur Atmosphäre bei. Dass man bei der Handlung Abstriche machen muss, verwundert derweil kaum. Der Plan unseres Trios ist ziemlich weit hergeholt und geht entsprechend auch nur dank Gevatter Zufall und einer dicken Portion Glück gut. Doch ist das ja bekanntlich mit den Tüchtigen.

Insgesamt bietet der Ausflug insbesondere Burnham und Georgiou die Möglichkeit, mal wieder sinvoll gemeinsam zu agieren. Insbesondere Letztere erhält durch die Nachwirkungen ihres Zusammentreffens mit dem mysteriösen Kovich nun endlich wieder einen interessanten Anteil an der Handlung und punktet obendrein noch mit einem guten Spruch über Vertrauen, der Michael sicher nicht schmecken dürfte. Dass Ryn am Ende überlebt, stellt ebenfalls eine positive Überraschung dar; vielleicht kann man den sympathischen Andorianer ja zukünftig an Bord noch gebrauchen.

derweil auf dem schiff

Michaels Abwesenheit bleibt natürlich auf der Discovery nicht unbemerkt. Die Szene, in der Tilly sich um Groll kümmern soll, erinnert ein wenig an Worf und Spot und bringt nicht viel ein, die Unterhaltung zwischen ihr und Saru gehört dann aber zu den Höhepunkten der Dreiviertelstunde. Tilly versteht den Konflikt, in dem sich ihr Captain befindet, und agiert, hin- und hergerissen zwischen ihrer Freundschaft zu Michael und ihrer Pflicht, auf die einzig richtige Weise: Sie empfiehlt, das Wohl der Crew ganz nach oben zu stellen und Admiral Vance einzuweihen. Nicht nur Saru ist davon durchaus beeindruckt. Ebenso gelungen ist, wie er kurz darauf ihren Kommentar, sie hätte das gleiche getan wie Michael, wegwischt. Nein: Hier handelt es sich um eine feine Linie, die Beachtung verdient. Tilly versteht Michael, das ist keine Frage. Doch hätte sie niemals genauso gehandelt. Gut beobachtet, Herr Kapitän.

Andernorts treffen Stamets und Wunderkind Adira erneut aufeinander. Gut für den Pilzexperten ist dabei die Nachricht, dass sein Interface umgebaut wurde. Adira befreit ihn schließlich noch von den Komponenten in den Armen. Was davor kommt ist jedoch eine wunderbare Unterhaltung bei Tisch, in der Stamets vom ebenfalls anwesenden (aber natürlich für Stamets unsichtbaren) Gray erfährt und Adira wissen und spüren lässt, dass er schon viel verrücktere Dinge in seiner Zeit auf der Discovery erlebt hat, um ihr diese Sache nun nicht zu glauben. Es ist immer willkommen, die Crew auf diese Weise zu zeigen, was auch für die spätere Quartier-Szene zwischen Stamets und Culber gilt, die ohne große Erklärungen auskommt und einfach nur die tiefe Verbindung der beiden transportiert und eine Brücke zu Adira und Gray baut: klasse! Zu was die Handlung mit dem imaginären, toten Ex-Freund allerdings führen soll, muss man derweil noch abwarten.

Erwähnenswert sind dann noch die Eskapaden rund um Linus, der seinen persönlichen Transporter noch nicht so richtig im Griff hat und immer mal wieder in unpassenden Momenten auftaucht. Was zunächst wie ein simpler Running-Gag wirkt, sollte dann später aber nochmal wichtig(er) werden. Doch ihr kennt das schon: dazu kommen wir noch!

Kein Murmeltier!

Genauer gesagt: jetzt. Michael kehrt also erfolgreich auf das Schiff zurück. Sie hat eine weitere Blackbox, sie hat Book und sie hat nun ein Problem. Wie sag ichs meinem Captain?

Vorher kommt es jedoch noch zu einem Moment, der bereits zweimal in dieser Rezension angesprochen wurde: es mag sein, dass zwischen Book und Burnham in dem vergangenen Jahr nichts passiert ist, die Gefühle zwischen den beiden sind aber ohne Frage stark. Im Turbolift brechen alle Emotionen dann auch heraus, die bisher vielleicht noch unausgesprochen waren. Wir verstehen: Michael tat es diesmal nicht, weil sie Sarus Befehle nicht anerkennen würde, sondern aus Liebe. Muss man akzeptieren. Die Konsequenzen waren ihr sicher bewusst. Dass Linus sich kurz vor dem großen Kuss mitten in den Turbolift teleportiert ist dann auch der Abschluss dieser kleinen Geschichte. Nur für diesen Moment hatte man die Sequenzen vermutlich erdacht. Das ist dann nebenbei bemerkt auch zu 100% der Stil der Reboot-Kinofilme.

Das Gespräch mit Vance und Saru verläuft dann allerdings nur bedingt erfolgreich. Zwar gibt der Admiral zu verstehen, dass er das Ergebnis durchaus zu schätzen weiß und sie nur deswegen nicht einlocht, überlässt alles weitere aber Saru. Dieser erhält dann auch einen seiner besten Momente der Staffel: Wie er bereits zuvor gegenüber Tilly eingestand, hat er inzwischen ein echtes Vertrauensproblem mit Michael, das ihn böse an alles erinnert, was damals auf der Shenzou passierte. Er wähnte diese Zeit weit weg, muss sich nun aber eingestehen, dass sich nichts verändert hat. Im Gegenteil. Konsequenterweise nimmt er ihr den Posten des ersten Offiziers an dieser Stelle also wieder weg, was der Glaubwürdigkeit der Serie sehr zugute kommt.

Fakt ist nun: Die Macher wollten mit Michaels Verhalten zu diesem Punkt gelangen, der zwar stark an ihren Verrat gegenüber Georgiou im Auftakt der ersten Staffel erinnert, aber zumindest nun Sinn ergibt. Zum ersten Offizier taugt sie nicht. Saru, sie und wir haben das verstanden. Doch was nun? Begnügt sie sich mit dem Posten des leitenden Wissenschaftsoffiziers? Kommt sie in dieser Funktion besser mit Befehlen klar? Abwarten.

Dsc 306 Prev 17

Dies & Das

  • Durch die neue Registrierungsnummer erschaffen die Macher möglicherweise ein kleines Problem in Hinblick auf den Short Trek namens Calypso. Dort sah man das Schiff nämlich ohne die ganzen Add-Ons und ohne das "A" in der Registrierung, nachdem die KI Zora 1000 Jahre in einem Nebel auf den verlassenen Kahn aufgepasst hatte. Wie man diese Geschichte nun noch in die Handlung einzubauen gedenkt, wird spannend sein. Oder man ignoriert das fehlende "A" schlicht. Abwarten.
  • Dass die Discovery das "A" überhaupt bekommt, könnte an den temporalen Regeln nach Ende des Temporalen Kalten Krieges liegen; schließlich ist das Schiff eigentlich als zerstört gemeldet. Auf diese Weise gibt es nun faktisch also eine neue Discovery, die mit der alten und deren Schicksal nicht mehr in Widerspruch steht. Es wäre vielleicht gut gewesen, etwas Derartiges auch im Dialog zu erwähnen, da das Vorgehen auf diese Weise viel sinnvoller gewirkt hätte.
  • Die neuen Abzeichen der Crew fungieren auch als persönlicher Transporter, PADD und Trikorder. Geeky stuff!
  • Selbstdichtende Schaftbolzen kennen wir aus Star Trek: Deep Space Nine.
  • Mit einem Baryon-Strahl hatte es auch die Enterprise-D schon einmal zu tun.
  • Ryn, der Andorianer, wird von Noah Averbach-Katz gespielt, dem Ehemann von Mary Wiseman (Tilly).

Fazit

Überraschung gelungen: Auch wenn man zu Beginn der Episode den Kopf über Michael Burnhams erneute Befehlsverweigerung schütteln mag, bringen die Macher den Rest der Episode erstaunlich konsequent und überzeugend nach Hause.

Schöne Momente zwischen verschiedenen Charakteren, nachvollziehbare Entscheidungen und Diskussionen sowie ein angemessenes Ende runden ein Abenteuer ab, das mit einer zwar absurd-löchrigen, aber dafür umso wilderen und visuell beeindruckenderen Rettungsmission auf einem Schrottplaneten durchweg ein hohes Tempo vorlegt.

Dennoch werden sich an Scavengers auch fraglos die Geister scheiden, ist die Episode doch im Kern die bisher konsequenteste Fortführung des Stils der Reboot-Kinofilme: Die Macher legen ihr Augenmerk voll auf die technische Umsetzung sowie coole Sprüche und garnieren das Ganze immer mal wieder mit hübschen Charakterszenen und nur dem Nötigsten an Tiefgang. Kann man dieser Machart etwas abgewinnen, wird man bestens unterhalten.

*

In gut einer Woche geht es weiter mit den Rezensionen zur dritten Staffel von Star Trek: Discovery.

Dsc S3teasesoon Head