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Star Trek: Discovery - Rezension zur Episode 3.07 "Unification III" ("Wiedervereinigung, Teil 3")

Mit der siebten Episode versuchen sich die Macher an der Fortsetzung eines der beliebtesten Zweiteiler der Franchisegeschichte. Im Grunde wollen sie dabei nur das Richtige, gehen aber dennoch baden. Wie konnte das geschehen?

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von Björn Sülter

Rund drei Jahre nach dem Auftakt der Serie im September 2017 startete vor einigen Wochen Star Trek: Discovery in die dritte Staffel. Wir kümmern uns bis ins neue Jahr hinein ausführlich um die Abenteuer der Crew. Neben wöchentlichen Rezensionen gibt es wie gewohnt auch die neuen Ausgaben vom Podcast Planet Trek fm.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei.

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Inhalt

Michael Burnham hadert mit ihrem Verbleib auf der Discovery, arbeitet aber dennoch weiter an der Aufklärung des Brandes. Für ihre Berechnungen fehlt ihr jedoch ein wichtiges Puzzleteil, welches sich auf der neuen gemeinsamen Heimat zweier einstmals verfeindeter Völker befinden könnte. Derweil überrascht Saru Tilly mit einer neuen Karriereoption...

Wo gehör ich hin?

Beginnen wir ganz klassisch mit dem roten Faden der Episode: Michael hat ihren Status als erster Offizier verloren und hinterfragt, ob sie auf der Discovery überhaupt noch zuhause ist. Auch lockt ein Aufbruch mit Book, der offenbar die meiste Zeit auf seinem Schiff im Shuttlehangar herumhockt, mit Groll spielt und darauf wartet, dass Michael vom Dienst nach Hause kommt. Eigentlich klingt das nicht nach einer langfristigen Lösung, oder? Michael wäre aber nicht Michael, wenn sie nicht dennoch weiter engagiert an ihrer Mission arbeiten würde.

Zeitsprung

Die Macher sind offenbar immer noch der Meinung, dass die meisten Zuschauer entweder schon lange Star Trek schauen oder zumindest bereit sind, auch nach so vielen Jahren die alten Serien nachzuholen. Keine Frage: Diese Herangehensweise ist durchaus positiv zu bewerten! Anders ist es in jedem Fall auch nicht zu erklären, dass man mehr als 29 Jahre nach Ausstrahlung der TNG-Abenteuer Unification I und Unification II nun den (inoffiziellen) dritten Teil nachliefert; und das mitten in einer Staffel von Star Trek: Discovery.

Doch hat Autorin Kirsten Beyer das schon richtig eingeschätzt: Die Sache passt an sich perfekt. Michael Burnham hat ihre Kindheit mit Spock verbracht und später noch einmal eine gemeinsame Mission mit ihm bestritten. Danach ging er seinen eigenen Weg und Michael flog mit der Discovery vorbei an Jahrhunderten der Geschichte (in der es auch zur Handlung von Unification I+II kam) in eine ferne Zukunft, in der ihr Bruder längst tot ist. Doch lebt sein Erbe weiter! Denn die Romulaner und Vulkanier haben sich endlich vereint und leben nun gemeinsam auf dem neu benannten Planeten Ni'Var (ehemals Vulkan). Denn: Romulus fiel einer Supernova zum Opfer (Star Trek: Picard/Anfang von Star Trek von 2009). Und nein: Vulkan wurde nur in der alternativen Zeitlinie zerstört (Rest von Star Trek von 2009). So viel zum temporalen Quatsch, den man zumindest wissen muss, um hier nicht ins Schleudern zu geraten.

Den Aufhänger, Michael fehlen Daten für ihre Recherche und sie ist die einzige, die auf SB-19 stößt, lassen wir mal beiseite. Die Fixierung auf "Michael-hat-alle-Antworten" ist der rote Faden der Serie; kein schöner, aber einer mit dem man leben muss. Da schauen wir schon lieber auf einen kleinen, aber umso feineren Moment. Denn wie grandios ist bitte die Archivszene mit Leonard Nimoy? Pures Gold und ein wunderbarer Gruß an die Fans. Auch der Synchronisation muss man hier ein dickes Lob spenden, dass die Originalspuren Verwendung fanden. Gänsehaut!

Also geht es los mit der - wunderbar in Szene gesetzten - neuen USS Discovery. Die Vulkanier möchten jedoch nicht so wie Michael, die daraufhin ihre Kenntnisse nutzt und ein altes Ritual einfordert, bei dem sie ihren Standpunkt vertreten kann. Man darf sich natürlich schon fragen: Warum findet das Quorum dazu auf der Discovery statt? Wäre es nicht viel angemessener gewesen, kurz nach Vulkan zu beamen? Vielleicht fehlte ja nur Zeit und Geld für die komplizierteren Dreharbeiten, etwas befremdlich wirkt es aber schon.

Auch darf man sich fragen, warum diese plötzlich nach einem Jahrtausend auftauchende (menschliche) Schwester so unkritisch Auf Ni'Var zur Kenntnis genommen und willkommen geheißen wird. Immerhin hatte Spock ja vorgehabt, nie über sie zu sprechen und die Discovery wurde für zerstört erklärt.

Mami!

Doch sind wir mit den wilden Familienverwicklungen an dieser Stelle auch noch nicht am Ende. Michael wird nämlich jemand zur Seite gestellt; eine Person mit einer persönlichen Bindung zu ihr und umgekehrt. Na, klingelts? Wen vermissen wir denn noch aus Michaels Leben? Heureka! Natürlich Mama Burnham! Just als Michael sie am dringendsten braucht (in doppelter Hinsicht) ist sie wieder zur Stelle und strapaziert das Prinzip Zufall mit aller Kraft.

Doch ist sie eben an dieser Stelle unverzichtbar für Michaels Versuch, das Quorum zu überzeugen und mit ihren eigenen Problemen klarzukommen. Und so geht es am Ende in eben diesem Quorum der Wissenschaft und Logik eigentlich nur noch um Michael Burnhams Gefühle und ihre Lebenskrise. Eine Überraschung ist das für geübte Discovery-Gucker zwar nicht, regt aber auch das Hochziehen einer Augenbraue an. Es ist schon ein Wunder, dass die versammelten Vulkanier und Romulaner sich diese, aus einer Nachmittagstalkshow importierte, Szene überhaupt bis zum Ende antun. Doch wohnen sie so immerhin menschlichen Emotionen der Extraklasse bei, erlebten wie Michael ihre eigene Erleuchtung erfährt und am Ende bereit ist, zuerst zu vertrauen und auf eine Gegenleistung zu verzichten. Sowas überzeugt sogar die härtesten Logiker, was Michael schlußendlich die gewünschten Daten einbringt. Es war also die wieder mal eine große Michael-Burnham-Show, nur diesmal mit Fackeln, einem Gong, gedimmter Beleuchtung und viel Publikum.

Und nicht nur das: Mami ist es ganz nebenbei auch gelungen, ihrer Tochter die nötigen Antworten in ihrer Krise zu liefern. Ja, sie gehört immer noch auf die Discovery und ist nun bereit zu bleiben. Und Book? Der versichert ihr am Ende, dass er dort zuhause ist, wo Michael ist. Tja, dann muss er wohl weiter den ganzen Tag mit seiner Katze im Shuttlehangar herumtollen.

Den schlimmsten Fauxpas leistet sich Autorin Beyer dann aber, als sie durch die Hintertür die Frage stellt, wieviel vom großen Spock wohl auf den Einfluss von Michael zurückgeht. Sorry, Leute. Das ist erbärmlich. Das Triumvirat aus Kirk, Spock und McCoy gehört zum großartigsten, was Star Trek hervorgebracht hat. Die Symbiose dieser drei so unterschiedlichen Figuren ist unerreicht. Es ist nicht nötig, da einen neuen Dreh reinzubringen, indem mal Michael Burnham nun auch hier noch Meriten zuschreibt. Viele Fans der Classic-Serie dürften an dieser Stelle irgendetwas in den Fernseher geworfen haben. Wer kann es ihnen verdenken?

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derweil auf dem schiff

Neben all diesen Vorgängen geht es in der Episode aber auch noch um die Nachfolge von Michael Burnham als erster Offizier. Saru möchte sich offenbar nicht zu schnell festlegen und sucht zunächst nach einer vorübergehenden Lösung, einem Acting First Officer. Dass er dabei an Tilly denkt, muss man von zwei Seiten bewerten.

Natürlich fiel uns Zuschauern auf, dass die Autoren das Duo zuletzt häufiger zusammenbrachten. Auch wurde klar, dass Saru ein besonderes Interesse an der jungen Kollegin hegt und sie fördern möchte. Als sie zuletzt auch noch zur wertvollen Ratgeberin wurde und mit Verstand und gegen ihr Herz zu ihm sprach, dürfte bei Saru die Entscheidung gereift sein. Auch macht er klar, dass Tilly die fehlenden Kenntnisse, das nicht absolvierte Kommandoprogramm und die mangelnde Erfahrung durch die Erlebnisse auf der Discovery wettmachen würde.

So charmant das alles sein mag, stellen sich dabei doch einige Fragen. Gilt insbesondere letzteres Argument nicht für alle auf dem Schiff? Und kann es wirklich sein, dass in der Crew niemand besser qualifiziert oder geeigneter ist als ein Fähnrich am Anfang der Laufbahn? Schade auch, dass man Nhan zuletzt rausschrieb; vermutlich aus gutem Grund. Dennoch sollte Saru diverse andere Optionen besitzen. Immerhin handelt es sich hier immer noch um eine militärisch geprägte Hierarchie. Natürlich kann man besonders talentierte Personen fördern und sollte es auch. Doch an allen anderen vorbei zu handeln, erscheint nicht wie ein guter Schachzug, insbesondere da die Gründe mehr als fadenscheinig sind. Interessant ist auch, dass Tilly eine Frage stellen darf, die vermutlich auch einigen Zuschauern gekommen ist: Möchte er vielleicht nach der aufmüpfigen Burnham nur eine pflegeleichte und folgsame Ja-Sagerin haben, die sich an die Regeln hält? Die Antwort bleibt er schuldig. Auch wäre es denkbar gewesen, den Admiral um eine Option zu bitten. Ich weiß, dass Saru die Crew beisammen halten möchte, aber zu einer Struktur wie der Föderation gehören nunmal auch Versetzungen. Eine frische Perspektive mit Kenntnissen über die Zukunft wäre auf dem Schiff vielleicht gar nicht verkehrt gewesen, oder? Letztlich spielt es aber keine Rolle. Die Autoren haben es offenbar versäumt, andere Figuren in Stellung zu bringen und kamen auf der emotionalen Schiene letztlich auf Tilly. Das ist löblich, aller Ehren wert und auch irgendwie schön, aber eben auch großer Quatsch.

Niemand möge mich falsch verstehen: Ich gönne Tilly diese Beförderung und Chance von Herzen. Sie ist eine wunderbare junge Frau und hat jedes Glück verdient. Außerdem halte ich sie in der Zukunft für eine absolut qualifizierte Offizierin mit dem Potenzial für Großes. Aber jetzt schon? Vor Kurzem hat Saru Tilly noch in Deckung geschickt, als eine gefährliche Situation ausbrach, und nun stellt er sie in vorderste Front als diejenige, die seine Interessen vertreten soll? Die Autoren zeigten Tilly zuletzt teilweise sogar wieder als Nervenbündel, manchmal konnte sie keinen Satz geradeaus sprechen. Tut man ihr mit dieser Verantwortung wirklich einen Gefallen? Wäre ein sanfter Aufbau ihrer Stärken nicht viel angemessener? Oder eine andere Postion? Moraloffizier? Verbindungsoffizier? Irgendwas angemessenes? Denn man bedenke: Was passiert, wenn Saru plötzlich ausfällt? Möchte man dann Tilly die Verantwortung für eine Krise oder ein Gefecht aufbürden?

Und auch der warmherzige Support der Crew ist im Grunde nichts, was man negativ sehen sollte, auch wenn die Szene schon stark die Glaubwürdigkeit strapaziert. Gerade wenn man bedenkt, wie Paul Stamets zunächst reagiert hatte. Woher dieser krasse Sinneswandel?

Gute Motive und emotionale Beweggründe reichen am Ende eben leider nicht immer aus. Sarus Entscheidung kann man im Kontext einer Crew wie dieser nur als wahnwitzig bezeichnen, insbesondere da das Schiff ja nun wieder fester Teil einer klaren Struktur ist. Nicht nur ein Harry Kim dürfte angesichts des hier gezeigten Karrierewegs neidisch werden. Was man auf der USS Voyager damals also in die eine Richtung nicht hinbekommen hat, geht hier in die andere Richtung völlig nach hinten los.

Alles bleibt letztlich wie gehabt: Die Autoren hatten eine an sich gute Idee, die Ausführung lässt aber leider stark zu wünschen übrig.

SCHUSS IN DEN FUSS

Es ist ein Trauerspiel: Diese Serie schafft es leider immer wieder, das, was sie mit den Händen aufbaut, mit dem Arsch wieder einzureißen. Nach fast drei Staffeln muss man diesen Arsch inzwischen fast schon als intergalaktische Abrissbirne bezeichnen. Wie kann man so oft das Richtige wollen und dann keinen plausiblen Weg finden, es den Zuschauern zu verkaufen?

Die Fragen sind so simpel: Warum muss Michael Burnham nach allem was sie ohnehin schon geleistet hat, nun ausgerechnet auch noch zur Schlüsselfigur für das werden, was Spock, diesen wunderbaren und ikonischen Charakter, immer ausgezeichnet hat? Warum belässt man es nicht bei der wunderbaren Freundschaft zu seinen langjährigen Kameraden Kirk und McCoy? Warum muss Mama Burnham genau im richtigen Moment wie in einer Soap auftauchen? Warum muss Saru für eine leider mehr als hanebüchene Entscheidung die Verantwortung übernehmen, die einzig und alleine auf dem Mist der Autoren gewachsen ist und an dieser Stelle schlicht keinen vernünftigen Sinn ergibt?

Ist es nicht verrückt? Vieles in dieser Episode hätte wunderbar funktionieren können. Einige Momente (zum Beispiel Saru und die Präsidentin) sind gar pures Gold. Mit etwas mehr Fingerspitzengefühl wäre ein durch und durch moderner Klassiker drin gewesen. Hinzu kommt: Star Trek: Discovery ist in dieser Staffel im Grunde stark wie nie und hat insbesondere im Bereich der Dramaturgie (Stichwort: Pacing) deutliche Fortschritte gemacht. Einige Schwächen verfolgen die Serie aber leider weiterhin.

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Dies & Das

  • Die USS Yelchin wurde natürlich nach dem verstorbenen Reboot-Filmdarsteller Anton Yelchin benannt.
  • Ni'Var hieß auch schon ein vulkanisches Schiff der Surak-Klasse aus Star Trek: Enterprise.
  • Das SB-19-System erinnert stark an Stargate.
  • Gabrielle Burnham landete auf Essof IV und schloss sich dann den Qowat Milat (bekannt aus Star Trek: Picard) an, die sie retteten.
  • Regisseur Jon Dudkowski liefert eine starke erste Episode ab.
  • Die Arbeit von Komponist Jeff Russo und seines Teams, die komplett im Home-Office stattfinden musste, ist jedes Mal wieder hörenswert.

Fazit

Bauch sagt zu Kopf "ja", doch Kopf sagt zu Bauch "nein". Es ist nicht überliefert, ob Mark Forster ein Trekkie ist, mit seinem Text trifft er bei dieser Episode aber leider voll ins Schwarze.

Man mag der Autorin Kirsten Beyer nichts als gute Absichten unterstellen. Sie verhebt sich jedoch bei dem Versuch, vom Standpunkt des Herzens das Richtige zu tun, weil sie den Weg dorthin mit völlig unglaubwürdigen Herleitungen pflastert, die keiner näheren Betrachtung standhalten oder schlicht schmerzen. Das ist umso trauriger, weil die Episode, all diese Punkte beiseite gelassen, eine ur-trekkige Geschichte erzählt, wunderbare Dialoge zu bieten hat, sogar angemessen innehält und uns auf eine Reise durch den reichhaltigen Trek-Kanon mitnimmt .

Dennoch: Mindestens James T. Kirk, Leonard McCoy und Harry Kim müssten das hier Gezeigte aus allen genannten Gründen unerträglich finden. Und leider kann man sich ihnen in der Summe nur anschließen.

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In gut einer Woche geht es weiter mit den Rezensionen zur dritten Staffel von Star Trek: Discovery.

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