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Star Trek: Discovery - Rezension zur Episode 3.08 "The Sanctuary" ("Das Schutzgebiet")

Mit der achten Episode bremsen die Macher von Star Trek: Discovery das Tempo etwas runter und bringen verschiedene Teile ihrer Geschichte für den Rest der Staffel in Stellung.

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von Björn Sülter

Rund drei Jahre nach dem Auftakt der Serie im September 2017  startete vor einigen Wochen Star Trek: Discovery in die dritte Staffel. Wir kümmern uns bis ins neue Jahr hinein ausführlich um die Abenteuer der Crew. Neben wöchentlichen Rezensionen gibt es wie gewohnt auch die neuen Ausgaben vom Podcast Planet Trek fm.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei.

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Inhalt

Book empfängt einen Notruf von seiner Heimatwelt und reist an der Seite von Michael und mit der Discovery dorthin um zu helfen. Während man sich auf der Oberfläche mit einer Hungersnot und der fiesen Osyraa auseinandersetzen muss, arbeiten Stamets und Adira an der Entschlüsselung eines Signals, Tilly und Saru wachsen in ihre neue Arbeitsbeziehung hinein und Dr. Culber kümmert sich um die Probleme von Georgiou ...

Vielfalt

Die achte Episode der Staffel, unter der Regie von Trek-Legende Jonathan Frakes, bringt uns eine absolut klassische Dreiviertelstunde nach Hause, die sich nicht auf ein großes Thema stürzt, sondern die vielfältigen Geschichten an Bord rund um die Figuren beleuchtet und somit eher wie ein Flickenteppich wirkt, denn wie ein eindeutig fokussiertes Abenteuer.

Dass das jedoch kein Makel sein muss, hat nicht nur Star Trek in der Vergangenheit oft genug bewiesen. Im Gegenteil ist es sogar äußerst positiv zu bewerten, dass die Macher die Notwendigkeit sahen, vor den letzten fünf Folgen noch einmal eine Art Bestandsanalyse einzufügen, bei der wir an alles erinnert werden, was gegebenenfalls bereits aufgeklärt oder eben noch offen ist.

Haken dran

Zu den Dingen, die man gepflegt abhaken kann, gehört vermutlich die Geschichte um Detmer und ihre Probleme mit dem Übertritt in die Zukunft. Diese wurden zwar seit der Dinner-Eskalation offiziell nie wieder groß thematisiert oder gar aufgelöst, seit ihrem kurzen Gespräch mit Dr. Culber in der gleichen Episode ist aber offenbar vieles in die richtige Richtung gelaufen. Detmer ist nun eindeutig stabiler und kann sich in dieser Episode mit ein wenig Girl-Power-Action (an der Seite vom sympathischen Ryn) den Frust von der Seele fliegen und ballern.

Ebenfalls vom Tisch ist damit glücklicherweise die Befürchtung, sie sei eventuell von Control übernommen worden. Dieses Story-Relikt aus der zweiten Staffel haben die Macher also wie es scheint wirklich nicht mehr angetastet, was sehr erfreulich ist.

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A wie adira

Doch kommen wir zu den Dingen, die noch wichtig sind. Adira entdeckt auf der Suche nach dem Ursprung des Brandes eine mysteriöse Nachricht aus einem Nebel, die nicht nur mit der mysteriösen Musik in Verbindung steht, die bereits mehrfach auftauchte, sondern auch noch auf ein in diesem Nebel befindliches Sternenflottenschiff zurückzuführen ist! Zählt man schnell eins und eins zusammen, könnte es an dieser Front durchaus auf die USS Discovery aus dem Short Trek namens Calypso hinauslaufen, der in Person von KI Zora bekanntlich in dieser Staffel ebenfalls bereits Erwähnung fand. Doch warum sollte es überhaupt eine zweite Discovery geben? Handelt es sich dabei vielleicht um ein Spiegelbild aus einem alternativen Universum? Oder um einen nicht durchgeführten Alternativplan, bei dem das Schiff evakuiert wurde? Oder hat die Crew das Schiff vielleicht später in der Zukunft in der Vergangenheit (also zeitlich vor dieser Episode) versteckt? Und wie passt das dann alles mit der neuen Registrierung nach dem Refit zusammen? Wir dürfen gespannt sein. Vielleicht hat dieses Schiff im Nebel ja auch gar nichts mit Calypso zu tun. In jedem Fall führt die Suche nach der Ursache des Brandes nun offenbar ganz langsam zu etwas; und das ist eine gute Nachricht.

Während Adira weitere komplexe Berechnungen startet, die bis zum Ende der Episode nicht beendet sein werden, geht es noch um ihre eigene Identität und die freundschaftliche, fast väterliche Beziehung von Stamets zu ihr; wobei wir an dieser Stelle nun umswitchen müssen. Adira erklärt ihm und Dr. Culber nämlich, dass sie zukünftig das Pronomen dey (statt sie) bevorzugen würde, um ihrer nicht-binären Identität gerecht zu werden. Es handelt sich hier um eine Information, die Adira bisher mit niemandem geteilt hat. Auch berichtet dey von der mit dem Symbionten einhergehenden Verwirrung, morgens aufzuwachen, und nicht zu wissen, wer man eigentlich ist. Viele Menschen und natürlich auch insbesondere viele Teenager, binär oder nicht-binär, Trill oder Mensch, werden dieses Gefühl nur zu gut nachfühlen können, was Adira zu einer ganz wunderbaren Identifikationsfigur auf gleich mehreren Ebenen macht. Stamets und auch Culber gehen dazu weiterhin absolut vorbildlich, verständnisvoll und vorurteilsfrei mit Adira um und beweisen die fortgeschrittene Sensibilität der Menschheit in Star Trek. Richtig stark!

Die Berechnungen zum Brand, Adiras Identitätskrise und das plötzliche Verschwinden von Gray (der ihr nicht mehr erscheint) bleiben jedoch nur Momentaufnahmen. Weiter geht es in den kommenden Episoden.

B wie book

Dagegen wirkt die Geschichte um Book und Burnham absolut aus einem Guss und besitzt Anfang wie Ende. Damit hat es sich dann jedoch schon mit dem Lob. Denn obwohl sich die Rettung des Volkes wie der Hauptplot anfühlt, bleibt alles generisch und bekannt. Der Bruderstreit, die Hungersnot, die mal eben mit einem Fingerschnippen durch unseren liebsten Space-Jesus beendet wird und die uninteressante Osyraa bilden Versatzstücke, die niemanden wirklich herausfordern. Es handelt sich um eine Mission der Woche, die keinen tiefen Sinn erfüllt und schnell vergessen ist. Wichtiger ist das Ganze jedoch für Book, der sich mit seinem Bruder versöhnt, seinem Volk hilft und obendrauf eine ganz neue Sicht auf die Dinge erhält. Doch dazu kommen wir noch. Star Trek hat oft Missionen dieser Art zur Reifung von wichtigen Erkenntnissen durchexerziert. Von daher passiert hier zwar nichts Neues, aber etwas absolut Klassisches. Nennen wir es gepflegtes Mittelmaß in der Ausführung.

Die Idee von Tilly, Detmer auf eine Mission als Pseudo-Abtrünnige zu schicken, die mit Books Schiff semi-legal auf Osyraa feuert, wirkt aber extrem an den Haaren herbeigezogen. Freilich glaubt auf der Gegenseite niemand diese Geschichte. Im Gegenteil: Osyraa darf am Ende noch ein paar Bösewicht-Klischees bemühen und Drohungen ausstoßen. Wir werden sie vermutlich wiedersehen. Fairerweise muss man natürlich auch sagen, dass Tilly (und Saru) sicher gar nicht vorhatten, jemanden zu überzeugen. Sie wollten schlicht nicht im Namen der Föderation aktiv werden. In diesem Sinne (und für die reine Weste) ergibt die Aktion dann auch durchaus mehr Sinn.

Erfreuliches gibt es noch von Book zu vermelden, da er augenscheinlich nun bereit ist, sich in den Dienst der Föderation zu stellen. Das ist sicher auch besser, als im Shuttlehangar zu wohnen und nur den Hausmann (und mit Groll) zu spielen.

C wie Culber

Auch nur eine Durchgangsstation ist die weitere Untersuchung des Zustandes von Georgiou, der sich hier nun Dr. Culber und Dr. Pollard im Duett annehmen. Etwas nervtötend geriet dabei, wie zynisch, unkooperativ, feindselig und ruppig Georgiou sich konstant verhält. Ihre Figur wirkt dadurch leider nie natürlich, sondern nur wie eine von Autoren geschriebene Karikatur, die sie leider bis heute geblieben ist. Michelle Yeoh spielt dann auch engagiert flapsig gegen die wenig interessanten Dialoge an und rettet, was zu retten ist. Schade, das war vorletzte Episode besser gelungen.

Viel erfahren wir indes nicht: Georgiou erlebt bei der Prozedur erneut Flashbacks (unter anderem an einen gewissen San) und erhält die bittere Diagnose, dass diese Geschichte ihren Tod nach sich ziehen könnte. Was es mit ihrem Zustand jedoch genau auf sich und was Kovich damit zu tun hat, sowie, wohin all das führen wird, vertagt man ganz lässig auf die nächsten Episoden. Es ist aber in jedem Fall höchst erfreulich, wie regelmäßig und auch sinnvoll Wilson Cruz als Dr. Culber inzwischen eingesetzt wird. Diesmal darf er sogar richtig böse und zynisch werden und eine neue Facette an den Tag legen. Weiter so! Und auch wenn die (eigentlich ja problembehaftete) Beziehung zu Stamets eher eine Randerscheinung bleibt, so taucht sie doch immerhin hier und da auf. Damit gelingt den Machern eine in jedem Fall bessere Vorgehensweise als in den ersten beiden Jahren.

D wie duo

Für Saru und Tilly geht es diese Woche primär darum, in ihre neue Rolle als Captain und Erster Offizier hineinzuwachsen. Tillys erste hochoffizielle Aufgabe ist dann auch so simpel wie charmant: Sie sucht für ihren Boss einen schmissigen Spruch, den er wie ein Picard bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit raushauen kann. Doch wie in allen anderen Bereichen der Episode haben wir es hier mit work in progress zu tun. Ansonsten gelingen Tilly die ersten Momente an der Seite des Captains erfreulich frisch. Mary Wiseman spielt mit einer Mischung aus Unsicherheit und neuem Selbstbewusstsein, die ihrer Figur gut zu Gesicht steht.

Z wie Zusammen

All diese Aspekte fügen sich zu einem großen Ganzen, das zwar kein kohärentes Bild ergibt, aber auch nicht zerfällt. Man beleuchtet einen Tag an Bord mit verschiedenen laufenden Operationen, die uns Zuschauer aufs Laufende bringen, Beziehungen ausloten, neu definieren und verändern. Das ist alles nicht spektakulär gut, aber auch keinesfalls schlecht. The Sanctuary ist damit eine gefühlte Füllerepisode, die jedoch wichtige Details enthält, dabei durchweg gefällt und genau zum richtigen Zeitpunkt kommt. Kann man machen!

This is home

Einen interessanten Aspekt bietet jedoch auch noch der Titel, abseits vom Schutzgebiet auf dem Planeten betrachtet. Die USS Discovery ist zum Schutzgebiet der Crew geworden. Alle leben in einer Zeit, die ihnen absolut fremd ist. Hier jedoch ist es dennoch möglich, neue Wege zu gehen und sich auszuprobieren. Tilly erhält eine Chance, die unter normalen Umständen vermutlich nicht denkbar gewesen wäre. Adira bekommt einen Zufluchtsort, an dem dey mit der neuen Lebenssituation, der Geschichte um Gray und Fragen bezüglich der eigenen Identität umgehen lernen kann, einen Ort, an dem man verstanden, akzeptiert und gewertschätzt wird und der pure Entfaltung ermöglicht. Georgiou und Michael sind, wie auch Book, (einst) verlorene Charaktere, die sich auf der Suche befinden und hier diese Suche durchführen dürfen. Auch eine Detmer kämpft mit ihren Dämonen, ebenso wie Dr. Culber nach seiner Todeserfahrung.

All das bietet die USS Discovery. Sie stellt einen Mikrokosmos innerhalb dieser neuen Föderation dar, mehr noch als je zuvor. Der Name des Schiffes ist und bleibt also weiterhin Programm: Es geht um die Entdeckung unserer Menschlichkeit, um das Erforschen unseres innersten Selbst. Wie wachsen wir an Aufgaben? Wie gehen wir mit Scheitern um? Was bedeutet Familie und Freundschaft? Den Machern der Serie gelingt es nicht immer überzeugend, derartige Motive ausreichend auszuarbeiten, das Bemühen um Fragen dieser Art ist aber im besten Sinne Star Trek. Dafür gebührt den Verantwortlichen ein Lob.

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Dies & Das

  • Eine klingonische Zone ist auf einer Karte von Admiral Vance zu erkennen.
  • Osyraas Schiff heißt Viridian. Dabei handelt es sich um eine Farbe aus grün und blau. Was für ein passender Name für einen Zusammenschluss aus Orionern und Andorianern, oder?
  • Zum ersten Mal sehen wir, dass die Discovery ein Klavier an Bord hat; oder handelt es sich um programmierbare Materie oder ein Hologramm?
  • Captain Freeman hatte in Star Trek: Lower Decks auch mit der Suche nach einem coolen Spruch zu kämpfen. Hier ist es nun Saru.
  • Ryn bietet Tilly am Ende noch eine heiße Information: Osyraa und Co geht das Dilithium aus! Wohin das führen wird, bleibt indes abzuwarten.

Fazit

Als Brückenepisode, und nichts anderes will und soll The Sanctuary sein, funktioniert dieser achte Eintrag in die dritte Staffel gut und bringt vieles, was bisher nur am Rande vor sich hin köchelte, für zukünftige Entwicklungen in Stellung.

Regisseur Jonathan Frakes hält das fragile Gebilde aus A-,B-,C- und D-Plot dabei erfolgreich zusammen und gewinnt jedem Aspekt etwas ab. Dass der Hauptplot um die blasse Osyraa und die Bedrohung für Books Heimatplaneten nicht vom Hocker reissen kann, geht in all den kleinen Versatzstücken erfreulicherweise fast unter, da es immer noch ausreichend gelungene Szenen zu entdecken gibt, die uns bei der Stange halten.

Fünf Episoden vor dem Ende ist die Sache klar: Die Kanonen sind durchgeladen, nun dürfen wir gespannt sein, was aus den einzelnen Geschichten wird.

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In gut einer Woche geht es weiter mit den Rezensionen zur dritten Staffel von Star Trek: Discovery.

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