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Star Trek: Discovery - Rezension zur Episode 3.09/3.10 "Terra Firma" ("Terra Firma")

Mit der neunten und zehnten Episode reist die Serie zurück ins Paralleluniversum, um die Geschichte rund um Imperatorin Georgiou und ihr kompliziertes Verhältnis zu Michael Burnham abzuschließen.

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von Björn Sülter

Rund drei Jahre nach dem Auftakt der Serie im September 2017  startete vor einigen Wochen Star Trek: Discovery in die dritte Staffel. Wir kümmern uns bis ins neue Jahr hinein ausführlich um die Abenteuer der Crew. Neben wöchentlichen Rezensionen gibt es wie gewohnt auch die neuen Ausgaben vom Podcast Planet Trek fm.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei.

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Inhalt

Der Zustand von Georgiou verschlechtert sich. Glücklicherweise spuckt der Schiffscomputer mit Hilfe der Sphärendaten aber Koordinaten aus, die Hilfe versprechen. Gemeinsam mit Michael Burnham macht die Ex-Imperatorin sich auf zu einer Reise in ihre Vergangenheit, während an Bord der USS Discovery die Erforschung des Brandes weitergeht ...

Hintergrundrauschen

Machen wir uns nichts vor: Alles, was in dieser fast hundert Minuten langen Doppelfolge nicht mit Georgiou und Burnham zu tun hat, ist nichts als reiner Füllstoff, um die Staffelhandlung auf Sparflamme am Laufen zu halten. Wenn der Fokus der Handlung eine solche Entscheidung hergibt, ist dagegen nichts einzuwenden. Doch ist das hier der Fall?

Interessanterweise wählte man eine durchaus ungewöhnliche Form. Genaugenommen umrahmt nämlich eine weitestgehend klassische Discovery-Episode über die Erforschung des Brandes eine Georgiou-Folge, die von der Mitte der ersten bis zur Mitte der zweiten Episode andauert. Insbesondere im zweiten Teil fällt der dadurch entstehende Bruch stark auf. Letztlich ist die Nebenhandlung aber auch gar nicht so wichtig. Die Macher gehen hier bei der Fortsetzung der Staffelthematik derart tiefenentspannt vor, dass kaum Gefahr aufkommt, etwas Wichtiges zu verpassen. Dank Books Hilfe gelingt es Adira, Stamets und der plötzlich aus dem Nichts wieder auftauchenden Reno (samt eines gelungenen Gags), die Barriere in den Nebel und zum Schiff der Kelpianer zu überwinden. Die Auswirkungen dieser Aktion werden wir jedoch erst in der kommenden Episode erleben. Auch gibt es noch eine hübsche Unterhaltung zwischen Saru und Vance zu bestaunen, bei der der Admiral zumindest dezente Kritik am Captain der Discovery äußert. Etwas überraschend kommt in diesem Zusammenhang auch ein Satz Sarus, dass Michael sich immer besser einfinden würde. Haben wir das verpasst, oder will er sie nur schützen?

Das war es dann jedoch auch schon. Alle notwendigen Informationen abseits der Georgiou-Thematik hätten vermutlich in zehn Minuten Platz gefunden. Bleibt die Frage offen, ob die restliche Zeit die Reise wert war und, warum dieses Abenteuer überhaupt sein musste. Georgiou mit in die Zukunft zu nehmen, wirkte schon Ende der zweiten Staffel wenig überzeugend. Ehrlicherweise waren es vornehmlich die Produzenten, die Michelle Yeoh nicht gehen lassen wollten. Da diese außerdem bereits eine eigene Serie für die Ex-Imperatorin im Sektion-31-Kontext planten, herrschte vielleicht die Überzeugung, man müsse die Massenmörderin noch ein wenig sympathischer machen, bevor sie ein eigenes Projekt erhalten könne. Also schleppte man sie seitdem mit durch eine Geschichte, in der sie nichts als zickige, verletzende Worte für alle an Bord übrig hatte und zuletzt durch ihren sich rapide verschlechternden Zustand definiert wurde. Man kann also nicht behaupten, dass man die Zeit nutzte, um Georgiou zugänglicher zu machen, was aber, auch hier müssen wir ehrlich sein, aufgrund ihrer Taten der Vergangenheit ohnehin ein sinnloses Unterfangen wäre. Sie bleibt eine brutale, skrupellose Diktatorin, Mörderin und Sadistin. Sie zur Hauptfigur einer Trek-Serie zu machen, durfte man vorher und darf man auch immer noch durchaus kritisch sehen.

Dennoch: Offenbar war nun, gegen Ende der dritten Discovery-Staffel, der Moment gekommen, Georgiou ihren pompösen Abgang zu verschaffen und die Sektion-31-Serie somit anzusetzen. Die Frage war letztlich nur: Wie überzeugend würde das gelingen?

Die Tür

Inhaltlich fällt es erneut den allmächtigen Sphärendaten zu, die zusammen mit dem Sporenatrieb den ultimativen USP für die eigentlich so veraltete USS Discovery bilden, eine Lösung für das aktuelle Problem anzubieten. Die Koordinaten führen Burnham und Georgiou in einer Szene, die sicher nicht zufällig an den Auftakt der Serie und den damaligen Ausflug durch die Wüste erinnert, diesmal in eine Eiswüste und zu einem Fremden namens Carl, der zeitunglesend vor einer Holztür sitzt. Wer sich nun direkt in Twin Peaks oder einer King-Verfilmung wähnte, irrte natürlich. Ein Blick in die Zeitung des mysteriösen Mannes offenbarte vielmehr gleich mehrere deutliche Referenzen an die klassische Episode The City on the Edge of Forever (Griff in die Geschichte). Zufall? Sicher nicht. Ein Mann, der einen Übergang in eine andere Welt bewacht und Anspielungen an die bisher einzige Trek-Episode, in der der sogenannte Guardian of Forever eine Rolle spielt, waren schon zur Halbzeit dieser Doppelfolge kaum als irrelevant zu werten. Doch dazu später mehr.

Georgiou ergreift in jedem Fall die Chance, auch wenn sie nicht weiß, auf was sie sich da einlässt. Michael bleibt bei Carl zurück und darf im Gegensatz zu uns nicht verfolgen, was hinter der Tür liegt.

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Durch den Spiegel

Georgiou betritt zu ihrer eigenen Überraschung das Spiegeluniversum; ihr Universum. Der Zeitpunkt liegt vor der Meuterei durch Burnham und Lorca. Uns und der Imperatorin wird klar: Sie erhält eine zweite Chance. Georgiou versteht diese primär als Chance für sich und Michael. Sie möchte ihre Ziehtochter unbedingt für sich gewinnen und die Meuterei verhindern. Doch ist das möglich? Zunächst lehnt sich Michael gegen die Schmerzen in der Agonie-Kammer auf, scheint dann aber doch zu brechen und sich eines Besseren zu besinnen. Wir kennen die Mechanismen im Spiegeluniversum jedoch bereits: Michael versucht natürlich, Georgiou zu täuschen, diese hat noch ein Ass im Ärmel und am Ende eskaliert alles in einen Kampf um Leben und Tod, bei dem diesmal nicht nur Landry (erneut) das Zeitliche segnet.

Am Ende scheitert Georgiou also doch noch. Allerdings nicht an sich selbst, sondern an Michael und ihrem Heimat-Universum. Die Message ist dabei eine sehr wichtige: Du kannst andere und die Welt um dich herum nicht ändern, du kannst nur dich selbst ändern!

Georgiou ist ihrer eigenen Welt entwachsen, so sehr, dass der namenlose Mirror-Saru auf die Idee kommt, sie stamme gar nicht von dieser Seite! Eine potente Szene, die beweist, dass nur Kontext uns Veränderungen deutlich macht. In diesem Zusammenhang könnte man sogar die (vermeintlich?) fehlende Entwicklung Georgious auf der Prime-Seite sehen. Im Kontrast zur Discovery-Crew war sie oberflächlich betrachtet immer noch die zickige, feindselige Tyrannin. Hier auf der anderen Seite muss sie nun aber erkennen, dass sie nicht mehr dieselbe Person ist wie früher. Wir als Zuschauer erleben diesen Aha-Effekt parallel zu ihr. Man kann nun kritisieren, dass wir ihre Entwicklung gerne zuvor schon erlebt oder zumindest erahnt hätten, die Autoren haben sich aber offenbar bewusst für diesen Effekt entschieden. Kann man machen!

Für Georgiou und Michael schließt sich der Kreis. Sie haben die Distanz zweier Universen überbrückt und sind sich am Ende wieder so nah wie zu Beginn der Serie Burnham und die echte Georgiou. Das ist es vermutlich, was die Autoren erzählen wollten. Ob der Weg von Meuterei über Tod der Mutterfigur und Mentorin, Entführung der Imperatorin, Wesensveränderung der selbigen durch ihre Zeit im Prime-Universum bis hin zu ihrer Erkenntnis durch den Wächter überzeugt, muss wohl jeder für sich entscheiden. Die Intention ist aber definitiv eine gute. Es soll vermutlich auch ein wenig wie eine Wiedergutmachung Burnhams wirken. Ob das jedoch wirklich der Fall sein kann, ist ebenfalls eine Frage für (Hobby-)Philosophen. Die echte Georgiou bleibt aufgrund von Michaels Meuterei eben leider trotzdem tot.

Zu viel der tränen

So sehr man den emotionalen Abschied von Michael und Georgiou also noch schlucken kann, so wenig ergibt die folgende Szene auf der USS Discovery Sinn. Man beweint hier den Verlust einer übellaunigen, narzisstischen Tyrannin, für die jede Träne verschwendet wäre. Sie als Freundin, Bereicherung für die Crew oder wichtige Weggefährtin zu preisen ist fast schon grotesk, selbst wenn die Crewmitglieder natürlich auch scherzhaft ihre Ecken und Kanten erwähnen. Die Frau ist und bleibt eine Massenmörderin (und vieles mehr). Jeder liebevolle Toast ist eine Beleidigung ihrer zahlreichen Opfer, egal, ob und wie sehr sie sich seitdem verändert haben mag. Rehabilitation mag ein wichtiges Thema sein, hier wird das Thema jedoch arg verkürzt und dadurch fehlgeleitet dargestellt. Das spiegelt letztlich auch die Wiedergutmachungs-Geschichte um Burnham. Beide haben Blut an ihren Händen, beide werden nun in gewisser Weise reingewaschen. Ist das noch eine trekkige Message oder doch zu viel des Guten? Jeder möge seine eigene Wahrheit finden.

In diesen Kontext passt auch, dass bei der Verabschiedung von Burnham und Georgiou erneut ein Satz fällt, der genaugenommen dem entspricht, was die Autoren denken, nicht aber was im Kontext der Serie logisch wäre: Georgiou sieht Michael als Captain und teasert damit - und an dieser Stelle lege ich mich nun endgültig fest - das Ende dieser Staffel: Captain Burnham wird die Discovery ins vierte Jahr führen. Die Frage ist nur noch, warum Saru den Posten abgeben wird. Vielleicht schließt er sich ganz unspektakulär dem kelpianischen Schiff an? Oder er wird Botschafter? Eigentlich ist es auch egal. Ein wirklich sinnvoller Spin ist nicht zu erwarten. Die Macher wollen Michael als Captain und werden im Zweifelsfall wie ein Bulldozer über alle Gegenargumente hinwegrollen. Dabei ist Saru als Captain wirklich stark und hat sich in dieser Staffel bereits angenehm entwickelt. Es wäre schön, diesen Prozess weiter zu verfolgen. Aber: Die Macher wollen Michael. Das war schon immer so. Und sie werden es auch an dieser Stelle einfach durchziehen; koste es, was es wolle. Die Logik der eigenen Serie zu opfern, ist vermutlich ein kleiner Preis dafür. Übrigens: Sollte ich mich mit meinem Tipp täuschen, werde ich das gerne zugeben und der glücklichste Mensch der Trek-Welt sein. Einzig der Glaube daran fehlt mir.

Da war ja noch was

Ja, wir müssen auch noch kurz über den Guardian sprechen, der sich in der zweiten Episode effektvoll enttarnt. Grundsätzlich ist es immer schön, Elemente der klassischen Serien wiederzusehen. Die Umsetzung ist gelungen und Paul Guilfoyle spielt die Rolle des Carl sehr charmant. Auch gefällt, wie er den Schritt begründet, nicht mehr jedem Hans und Franz auf dem aus der Classic-Serie bekannten Planeten zur Verfügung zu stehen. Auch die Einbeziehung des Temporal Cold War ergibt an dieser Stelle viel Sinn.

Dennoch wirkt die Hereinnahme des Guardian auch überkonstruiert. Die Sphärendaten und der Schiffscomputer werden an dieser Stelle zu einer Art von magischem Fantasy-Element, das niemand mehr hinterfragt. Wie soll man das für die Zukunft verstehen? Der Discovery-Computer ist nun eigentlich allwissend und wird immer mal solche Informationen rausrücken? Die Macher begeben sich hier auf kompliziertes Terrain und man wird abwarten müssen, was sie daraus machen. In jedem Fall steht fest: Sie wollten den Guardian und konnten ihn durch diesen Kniff in die Story bekommen. Beizeichnen wir es mal als netten Versuch in Sachen Kontinuität. Möglich wäre die Sache aber genauso gewesen, wenn Carl einfach irgendein mächtiges Wesen gewesen wäre, ohne Bezug zum Kanon.

Mein Name ist peter white

Mit Referenzen an Alice im Wunderland haben wir uns im Rahmen von Star Trek: Discovery schon mehrmals befasst. Diesmal jedoch handelt es sich um keine, sondern es geht schlicht um die zu Beginn aufgeworfene Frage, ob wir wirklich die Zeit hatten, zwei Episoden auf den Abgang einer Figur zu verwenden.

Die Autoren haben innerhalb dieser Staffel wie gewohnt viele Storyfässer aufgemacht, tun sich aber erneut mit dem Schließen ein wenig schwer oder nehmen Abkürzungen. Das kennen wir jedoch schon und es muss inzwischen als gewollt hingenommen werden. Dennoch stellt sich die Frage, ob sich in der Causa Michelle Yeoh nicht zu viele Produktionsgründe in die Frage nach dem Inhalt der Staffel gemischt haben. So wenig sinnvoll es war, sie überhaupt mitzunehmen, so unzureichend wurde sie danach eingesetzt und schließlich mit einem Level an Pomp und Sentimentalität herausgeschrieben, der keiner inhaltlichen Prüfung des Materials standhält. Wenn Georgiou beweint, gefeiert und vermisst wird, vermissen in Wirklichkeit die Autoren, Produzenten und Schauspielkollegen eine der ihren. Wir erleben hier den Abgang von Yeoh, nicht von Georgiou.

Hoffen wir einfach, dass die letzten drei Episoden der Staffel nun für Dinge verwendet werden, die uns inhaltlich voranbringen und die Vision dieser neuen Zukunft zum Ende und als Basis für die vierte Staffel noch einmal lebendig werden lassen.

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Dies & Das

  • Zum ersten Mal in einer Episode werden die Universen im Dialog als "Prime" und "Mirror" bezeichnet.
  • Ebenfalls erstmals wird das Kelvin-Universum in einer Prime-Universum-Episode eindeutig als bekannt bezeichnet.
  • Obwohl die sich entwickelnde KI der Discovery erneut Thema ist, wird sie diesmal nicht von Anabelle Wallis gesprochen.
  • Dr. Issa wird von der gleichen Schauspielerin dargestellt, die auch schon Sarus Schwerster Siranna spielte.
  • Mirror-Culber taucht in dieser Episode das erste Mal auf. Seine rote Uniform war bereits 2019 als Leak zu bewundern gewesen.
  • David Benjamin Tomlinson alias Linus durfte hier auch einen Kelpianer spielen.
  • Die Zeitung von Carl enthält diverse Anspielungen auf Edith Keeler, ihre Mission, die dort ausgeschenkte Suppe sowie Keelers Wunsch, anderen zu helfen (und sogar auf einen Dialog zwischen Kirk und Keeler, in dem Kirk seine Hilfe anbietet).
  • Für die zweite Episode veränderte man die Vorspannsequenz; etwas Ähnliches hatte man bei Star Trek: Enterprise schon gemacht.
  • Im Spiegeluniversum hat Risa Ringe.
  • Lorca wird zwar ständig erwähnt, Jason Isaacs ist aber leider nicht erneut als Lorca zu sehen.

Fazit

In der Tradition von DS9 und Enterprise taucht die Serie ein weiteres Mal ins Spiegeluniversum ein und bringt die Geschichte um Imperatorin Georgiou auf diese Weise zu einem Abschluss und die Figur in Stellung für ihre eigene Serie. Dass die Autoren sich dafür zwei Episoden Zeit nehmen, die der eigentlich spannenden Staffelthematik Zeit stehlen, ist sicher eine diskutable Entscheidung. Auch kann man einige Entwicklungen im Rahmen dieser Episode zweifellos mehr als kritisch sehen.

Für sich genommen handelt es sich beim erneuten Trip auf die andere Seite aber immerhin um eine überzeugende Aufarbeitung der Mutter-Tochter-Thematik zwischen Georgiou und Burnham und den lobenswerten Versuch, der Figur sprichwörtlich den Spiegel vorzuhalten, um ihre Veränderungen zu verdeutlichen. Mit mehr Vorarbeit innerhalb der bisherigen Staffel wäre der emotionale Effekt aber fraglos besser zum Tragen gekommen.

Das Fazit kann also lauten: Mag man jeden dieser Abstecher, mag man auch diesen, liegt bereits ein Übersättigungsgefühl vor, könnte einen das Ganze aber auch verdammt kalt lassen. Oder anders gesagt: Ist man bereit, die Episode isoliert für sich zu betrachten, dürfte die Wertung besser ausfallen als beim Blick auf das große Ganze. Typisch Discovery irgendwie, oder?

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In gut einer Woche geht es weiter mit den Rezensionen zur dritten Staffel von Star Trek: Discovery.

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