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Star Trek: Discovery - Rezension zur Episode 3.12 "There Is a Tide..." ("Es gibt Gezeiten...")

In der vorletzten Episode der Staffel geht es mit Vollgas in die Rückeroberung des Schiffes, nicht jedoch ohne uns auf dem Weg mit einigen Überraschungen und hochemotionalen Momenten zu erfreuen.

Dsc12 Vance Osyraa

von Björn Sülter

Rund drei Jahre nach dem Auftakt der Serie im September 2017  startete Ende 2020 Star Trek: Discovery in die dritte Staffel. Wir kümmern uns ausführlich um die Abenteuer der Crew. Neben wöchentlichen Rezensionen gibt es wie gewohnt auch die neuen Ausgaben vom Podcast Planet Trek fm.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei.

Dsc11 Tunnel

Inhalt

Die USS Discovery erreicht unter der Führung von Osyraa die Basis der Föderation, doch stellt sich die Motivation hinter der Aktion als vollkommen anders als angenommen heraus. Derweil versuchen Michael und die restliche Führungscrew, das Schiff wieder unter ihre Kontrolle zu bringen ...

Im Unklaren

Blicken wir zunächst auf das große Ganze der zwölften Episode, stellen wir fest, dass der Handlungsstrang um Saru, Dr. Culber, Adira, Gray und Su'Kal auf dem Holoschiff der Kelpianer nach den spannenden Ereignissen der letzten Episode diesmal komplett pausiert, von der Erwähnung durch die Figuren auf der USS Discovery einmal abgesehen.

Was zunächst ein wenig schade wirkt, stellt sich am Ende jedoch als sehr gute Entscheidung der Autoren heraus. Die Ungewissheit und der Zeitdruck, die Freunde und Kollegen noch retten zu wollen, unterstreicht das atemlose Drama dieser Episode auf äußerst geschickte Weise und lässt uns nur noch mehr eine Fortführung der Handlung herbeisehnen. Und ohnehin geschieht hier in nicht ganz 50 Minuten so viel, dass man gar keine Zeit hat, das Fehlen der anderen Geschichte groß zu bedauern ...

Nebelkerze

Kommen wir also zu dem, was uns geboten wird, und nehmen wir es gleich vorweg: Was wie der große Angriff zur Auslöschung der Föderation gewirkt hatte, stellt sich schnell als etwas vollkommen anderes, äußerst überraschendes, heraus: Es ist der Versuch, diplomatische Beziehungen zwischen Smaragdkette und Föderation auszunehmen; mehr noch: Ziel ist es, ein gemeinsames Bündnis, eine neue, starke Föderation für die Zukunft zu bauen. Osyraa ist in diesem Zusammenhang nicht nur die Überbringerin der Nachricht (wenn ihre Vorgehensweise auch eigentümlich anmutet), sondern gleichzeitig noch Architektin, Strippenzieherin und Hauptfigur. Wer hätte das gedacht? Fragen darf man sich natürlich, warum die gute Osyraa nicht einfach eine Nachricht an Vance geschickt hat. Auch hätte sie ihre Absichten spätestens im Anflug auf die Basis kundtun können. Die Autoren setzen hier leider auf Showeffekte und vergessen dabei die Logik der Geschichte. Das sei aber nur nebenbei erwähnt.

Die von Janet Kidder gespielte Figur war in den bisherigen Episoden flach und wenig tiefsinnig geschrieben worden. Sie wirkte wie ein 0815-Cartoon-Bösewicht aus dem Basissortiment jedes beliebigen Autoren einer Gut-gegen-Böse-Geschichte. Und nun das? Plötzlich erhält ihre Figur spannende Dialoge, zeigt ein Innenleben, eine tiefe Motivation, Verständnis für die Situation des Universums und am Ende sogar noch eine plausible zweite Ebene, als es um ihre persönliche Zukunft geht. Wäre es nicht denkbar gewesen, die Figur zuvor zumindest etwas besser auszuarbeiten? Auf die gewählte Weise wirkt der Wechsel hier zwar drastischer und überrascht mehr, die Figur erscheint uns in der Rückbetrachtung aber auch weniger schlüssig. Das hätten die Autoren durchaus vermeiden können. Doch gilt: besser spät als nie.

Somit ist der gesamte Anfang, so spannend und mitreißend er auch inszeniert ist, eine große Nebelkerze. Osyraa entlässt die Crew in Shuttles, nur die Führungsoffiziere bleiben unter Arrest. Ein taktischer Fehler?

Dsc12 Mitchell

ERROR

Natürlich ist es einer! Die Crew um Tilly lässt sich nicht ohne Widerstand einsperren und sucht einen Ausweg. In diesem Zusammenhang klärt sich auch schnell ein Punkt, den die vergangene Episode offengelassen hatte. Osyraa war es erstaunlich leicht und schnell geglückt, das Schiff zu kapern. Hatte man zuletzt noch von einem Maulwurf ausgehen dürfen, scheint es nun so, als würden die Macher alles nur an Tillys Unerfahrenheit festmachen. Kein schöner Zug, insbesondere da Tilly eigentlich einen guten Job gemacht hatte. Hier lässt man sie nun aber wie einen begossenen Pudel stehen. Auch als Osyraa später die Entscheidung auf die Schippe nimmt, einen Fähnrich im Kommandosessel zurückzulassen, zeigt die Reaktion von Vance die Intention der Autoren: Saru wird hier ein schwerer Fehler in die Schuhe geschoben, der vermutlich auch Konsequenzen mit sich bringen wird. Nun ja, mit Maulwurf hätte alles vermutlich mehr Sinn ergeben, keine Frage. Nehmen wir es aber nun wie es ist.

Denn immerhin darf Tilly in dieser Episode direkt auch wieder ihre fraglos vorhandenen Anführerqualitäten zeigen. Ihre Leute ziehen mit und nehmen sie ernst: gut so.

Schade ist an diesem Teil der Handlung aber natürlich auch, dass alles ein wenig zu sehr darauf hinausläuft, dass entweder Ryn oder Book sich am Ende opfern (müssen), oder in irgendeiner anderen Form das Leben verlieren. Zu absehbar sind die Konsequenzen ihrer heldenhaften Handlungen. Doch dazu kommen wir noch.

Während all das vor sich geht, lernen wir nämlich noch die Figur des Aurelio kennen, seines Zeichens Wissenschaftler der Smaragdkette und einst von Osyraa gerettet. Kenneth Mitchell (der bereits in anderen Rollen wie der des Kol in der Serie zu sehen gewesen war) gibt hier seine bisher beste Vorstellung als introvertierter, genialer und auch empathischer Mann, der von Osyraa letztlich enttäuscht wird. Seine Unterhaltung mit Stamets gehört definitiv zu den Höhepunkten der Episode.

Mogelpackung

Zwischen Vance und Osyraa stehen derweil (und unter den wachsamen Blicken des holographischen Lügendetektors) nach einigen wunderbaren Wortgefechten (die in perfekter Weise das Miteinander und den Geist der Föderation zur Schau stellen) alle Zeichen auf Einigung. Dabei handelt es sich um das Beste, was es in der Serie bisher zu erleben gab. Plötzlich herrscht ein tiefes Interesse am eigenen Setting kombiniert mit einer verdienten Ernsthaftigkeit. Obendrauf erleben wir Figuren, die sich absolut real anfühlen; fast so sehr, dass man es kaum glauben kann. Die Autoren sind zu einer Menge fähig; warum nutzen sie es nicht jede Woche?

Große Ideen und Visionen sowie die Umsetzung scheinen jedoch nicht Osyraas Problem zu sein. Admiral Vance geht ihre Argumentation dann auch ohne große Einschränkungen und durchaus verblüfft von der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Ziele verfolgt, mit. Zu kippen droht das Ganze jedoch, als es dann um die persönliche Ebene geht. Osyraas Sichtweise scheint es zu sein, dass alle, denen sie über die Jahre Grausamkeiten angetan hat, für das große Ganze auf eine strafrechtliche Verfolgung verzichten müssten. Sie argumentiert, dass man nicht nach hinten schauen dürfe, sondern mutig in die Zukunft gehen müsse; für die Sache. Nun, damit hat sie bestimmt Recht, auch Vance weiß das und möchte den Deal unbedingt machen, dennoch schützt es Osyraa persönlich nicht davor, sich ihrer eigenen Verantwortung zu stellen. Der Vorschlag, ihr einen fairen Prozess zu machen, ist durchaus legitim (wenn auch vielleicht taktisch unklug), lässt die Stimmung jedoch direkt (und eigentlich zu schnell) umschlagen. An dieser Stelle zeigt sich, dass die gute Orionerin zwar Gutes im Schilde führt, aber sich selbst auch im gleichen Zuge reinwaschen möchte. Nicht mit Vance, der endgültig zum stärksten, besten und überzeugendsten Admiral der Trek-Geschichte seit Admiral Ross aus Star Trek: Deep Space Nine wird.

Osyraa verlässt an dieser Stelle in jedem Fall wutentbrannt die Szenerie und wirft alles über den Haufen. Sie ist nicht bereit, den Kopf für ihre Taten hinzuhalten. In gewisser Weise ist es schade, dass die Figur so schnell wieder zurück in alte Muster fällt, die Macher stellen ihren Zwiespalt aber glaubhaft dar. Es ist möglich, die richtigen Ziele zu verfolgen, aber dennoch im Innersten ein Feigling zu sein. Osyraa gewichtet ihr eigenes Schicksal höher als das des Universums. Das Zeug zur Heldin hat sie somit nicht, also wird sie direkt wieder die brutale Mörderin, die ebenfalls in ihr steckt. Ryn muss dies am eigenen Leib erfahren, als er ohne Grund vaporisiert wird. Die Szene taugt aber insbesondere dazu, dem armen Aurelio die Augen zu öffnen. Was wird er nun tun? Wendet er sich gegen seine Retterin?

ripley wäre stolz

Während all das passiert, erleben wir in einer Nebenhandlung, wie Michael Burnham sich in bester Stirb-langsam-Manier durchs Schiff metzelt. Nicht nur das, sie wird in gewisser Weise zu einer neuen Ellen Ripley mit unüberwindlichem Überlebensinstinkt. Dabei verfolgt sie ein klares Ziel, dessen Tragweite uns erst zum Schluss klar wird. Solange Stamets auf dem Schiff ist, hat Osyraa eine mächtige Waffe in Händen. Also muss Stamets weg. Michael plant jedoch nicht, ihn mit Samthandschuhen herauszulotsen, sie schießt ihn gegen seinen Willen und in einer Art Kraftfeldkapsel humorlos ins All!

Dabei muss sie sich so einiges anhören, was man entweder sehr menschlich oder auch unprofessionell finden kann. Ich tendiere zum ersteren. Paul Stamets hatte schon einmal alles verloren und ist nicht bereit, das noch einmal durchzumachen. Er sorgt sich um Hugh und Adira und will das große Ganze nicht sehen. Michael jedoch tut das in ihren Augen und entscheidet rein zum Wohl Vieler, nicht zum Wohl des Einzelnen. Dass sie dazu zum vulkanischen Nervengriff greift (den sie zuletzt bei Georgiou einsetzte, bevor sie gegen ihre Befehle handelte) ist sicher eine diskutable Entscheidung und wirft die Frage auf, ob Burnham nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. Hätte es keinen anderen Weg gegeben? Ob Stamets ihr verzeihen kann? Wird er überhaupt überleben? Wie verändert das ihre Beziehung? Und was wird der Rest der Crew sagen? Wir dürfen gespannt sein.

Wall-E nach Hause telefonieren

Kommen wir jedoch noch zu den letzten Szenen, in denen Tilly und Co nach der Flucht aus ihrem Gefängnis die Rückeroberung des Schiffes planen.

Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass im Zug des Erfolges von Baby-Yoda drüben bei The Mandalorian irgendwer in der Produktionscrew bei Star Trek die Idee hatte, so etwas niedliches auch in Roddenberrys Universum einzuführen? Es ist sehr wahrscheinlich! Der Hund bei Picard und die Katze (sorry, Königin) des Book waren erste Versuche, nun jedoch geht das Team all-in. Mit den drei wackeren Dots, die Zora (die erneut von Annabelle Wallis aus Calypso gesprochen wird) nun zur Hilfe schickt, hat man sich direkt mal bei E.T., Pixar und eben Star Wars bedient. Dementsprechend überzieht auch eine Menge Zuckerguss den ersten Auftritt der drei Kerlchen. Geschmackssache? Sicher. Süß ist es aber in jedem Fall.

Dsc12 Dots

Dies & Das

  • Der Außenposten Deep Space 253 wird erwähnt.
  • Versucht Stamets Aurelio auf seine Seite zu ziehen, oder warum bezeichnet er Adira so selbstbewusst als sein Kind? Diese Einschätzung seinerseits kommt auf jedem Fall aus dem Nichts.
  • Der Föderationspräsident wird zwar erwähnt, aber nie näher erklärt, um wen es sich handelt. Nicht einmal das Geschlecht ist bekannt. Handelt es sich vielleicht um Kovich? Oder um einen Gaststar, der erst kommende Woche enthüllt wird? Oder um eine Figur, die wir bereits kennen, wie das kopierte EMH aus Star Trek: Voyager?
  • Wie zum Auftakt der Serie an Georgiou verwendet Burnham hier mal wieder den vulkanischen Nervengriff.
  • Sollte Burnhams Nachricht an ihre Mutter zu einer romulanisch-vulkanischen Rettungsarmada im Finale führen, würde das eine Tradition der letzten Jahre fortsetzen. Am Ende der zweiten Staffel waren es die Kelpianer und die Klingonen, in Star Trek: Picard waren es Riker und die Sternenflotte und erneut Riker und die USS Titan in Star Trek: Lower Decks. ein Running-Gag?
  • Die Dots versuchen am Ende mit drei Fingern den vulkanischen Gruß.

Fazit

Die Bedrohung durch Osyraa nimmt in diesem mittleren Akt des dreiteiligen Staffelfinales eine willkommene, weil spannende Wendung, die mehr als bisher mit den vielen Fragen des Settings in dieser fernen Zukunft spielt, die Probleme ernst nimmt und uns ein Gefühl von stimmigem Worldbuilding vermittelt. In diesem Zusammenhang glänzen insbesondere Oded Fehr als Vance und Janet Kidder als Osyraa.

Doch auch der Rest der Episode weiß größtenteils zu gefallen. Emotionen, wahre Worte, schmerzhafte Erfahrungen und relevante Wortwechsel geben sich mit zwei, drei inhaltlichen Schwächen die Klinke in die Hand, sorgen in der Summe aber dafür, die Spannung auf den Staffelabschluss hoch zu halten.

In Bezug auf verpasste Chancen und unausgegorene Handlungssträge der Staffel bleibt somit am Ende aber auch die Frage übrig: Warum nicht gleich so? In dieser Frage liegt jedoch mehr ein Bedauern als wirkliche Kritik. Die Serie zeigt an dieser Stelle einmal wieder, dass die Macher das vorhandene Potenzial nutzen können. Die Hoffnung bleibt, dass sie es zukünftig konsequenter tun werden.

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In gut einer Woche geht es weiter mit den Rezensionen zur dritten Staffel von Star Trek: Discovery.

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