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Star Trek: Discovery und die TOPS und FLOPS des zweiten Jahres

Ein paar Wochen nach Ende der zweiten Staffel schauen wir noch einmal kritisch zurück und hoffnungsvoll nach vorne: Was hat gepasst und was nicht? Unsere Tops und Flops werden von Star-Trek-Experte Björn Sülter präsentiert.

Star Trek: Discovery

Präsentiert von: Björn Sülter


Bereits die erste Staffel der aktuell (noch) neusten Serie aus dem Trek-Universum war Ende 2017 bis Anfang 2018 durchaus unterschiedlich aufgenommen worden. Während vielen Fans die frische Herangehensweise gefiel, monierten andere die fehlende Kohärenz zum Bekannten. Die Wahrheit liegt wie so oft im Leben natürlich irgendwo dazwischen. Doch auch der zweiten Staffel gelang es Anfang 2019 nicht gänzlich, das Pendel in eine der beiden Ecken ausschlagen zu lassen; auch wenn es insbesondere in der ersten Staffelhälfte ganz gut aussah und man erst später wieder in alte Muster verfiel.

Nimmt man die Emotionalität ein wenig heraus, bleiben einige Themen übrig, die man halbwegs sachlich ansprechen kann, ohne in eines der beiden Lager gedrängt zu werden.

Um die ganze Sache etwas lockerer zu gestalten, wechseln wir die Tops und Flops ab. Denn wenn die Serie eines bisher ganz sicher nicht war, dann einseitig. Das sollte sich auch hier und im Geiste von Star Trek in jeder Betrachtung gerne niederschlagen.

FLOP: Logiklöcher

Räumen wir das größte Problem gleich zu Beginn mit Schwung vom Tisch.

Der Plot der Staffel, von dem man sich zu Beginn noch einiges hatte erwarten können, zerfaserte ab etwa der Hälfte der Episoden zunehmend, offenbarte schwerwiegende dramaturgische Löcher und Widersprüche und schlug Haken, die eher aus der Not geboren schienen.

Star Trek

Dramatischer Höhepunkt war, dass man auf dem Weg durch die Anomalie zwar erfuhr, dass die Bedrohung durch Leland gestoppt werden konnte, darauf aber nicht reagierte und den Weg in die Zukunft ungerührt fortsetzte. An Stellen wie diesen knisterte erneut das Drehbuchpapier überdeutlich. Die Autoren machten es sich auch im zweiten Jahr der Serie lieber ganz leicht, als in die Tiefe zu graben und nach stimmigeren Lösungen zu suchen. Ob das Korrektiv oder der Wille fehlt oder ob man schlicht nicht zu mehr in der Lage ist, bleibt offen.

TOP: Augen auf!

Wie bei den Oscars, wo SF- oder Fantasy-Blockbuster gerne in den technischen Kategorien Preise einsammeln, gelingt das auch Star Trek: Discovery mit dem ersten Top dieser Liste.

Ein Pfund, mit dem man im ersten Jahr auch schon, aber nicht in diesem Maße, wuchern konnte, war eindeutig die Präsentation der Serie. Man sah und hörte letztlich jeden Dollar und konnte selbst in Episoden, deren Logik angreifbar war, in den opulenten Klangteppichen des Jeff Russo oder den phantastischen Bildern schwelgen. Star Trek: Discovery geht in dieser Kategorie wirklich und wahrhaftig an einen Ort, den keine Trek-Produktion vorher erreicht hat. Besser sieht Science-Fiction aktuell nirgendwo im TV-Bereich aus.

Star Trek

Doch war auch der Faktor Mensch vor der Kamera nicht zu verachten. Die bereits bekannten Schauspielerinnen und Schauspieler, ergänzt um den famosen Anson Mount, den starken Ethan Peck und andere wundervolle Kolleginnen und Kollegen wie Tig Notaro, spielten groß auf und destillierten selbst aus schwächeren Dialogen noch Emotionen heraus.

Aus dem Stammensemble schwamm sich zudem insbesondere Wilson Cruz alias Dr. Culber frei, da er endlich mehr Anteil an der Handlung erhielt.

Auch wenn für das dritte Jahr nun einige Figuren rausfallen dürften (Pike, Spock, Number One, L’Rell, Ash Tyler, Cornwell), hat die Serie immer noch ein verlässliches Team beisammen, das sicher auch weiterhin alles geben wird. Dieses bildet gemeinsam mit der Hochglanzaufmachung eindeutig das Herz der Show.

FLOP: Schweinsgalopp

So sehr die Damen und Herren der Darstellerriege gefallen, so sehr muss man aber auch oft kritisieren, wie ihre Figuren geschrieben sind. Schweinsgalopp ist das Wort, welches am ehesten zur Vorgehensweise der Autoren passt. Dazu gesellt sich eine lässige Mut-zur-Lücke-Einstellung, die man je nach Geschmack als faul oder clever bezeichnen kann.

Beispiele gefällig?

Dr. Culber stirbt in der ersten Staffel einen tragischen Tod durch die Hand von Voq beziehungsweise Tyler. Bis zu seiner Rückkehr köchelte man die Emotionen seitens seines Partners Stamets immerhin auf Sparflamme, kam aber auch nicht darüber hinaus. Nach seiner Rückkehr dann befassten sich die Autoren im Vorbeigehen mit den Beziehungsproblemen, einer Depression (die schnell geheilt wurde), einem Versetzungswunsch des Arztes (der ins Leere lief) und der Rückkehr in höchster Not. Die Frage, was es jedoch wirklich bedeutet, von den Toten zurückzukehren, ließ man unangetastet.

Tilly hatte man über die erste Staffel und die Hälfte der zweiten sukzessive aufgebaut und den Nervfaktor reduziert. Plötzlich machte man aber einen Rückzieher und setzte sie den Rest der Staffel wieder stereotyp ein. Schade.

Star Trek: Discovery

Mit Ash Tyler wusste man lange Zeit gar nichts anzufangen und ließ die Figur unmotiviert hin- und herstolpern. Die Vita des Mannes liest sich dennoch spannend: Kriegsgefangener, Sicherheitschef mit Belastungsstörung, Schläfer-Klingone, Burnham-Love-Interest, Culber-Mörder, Schattenmann von L`Rell, Vater, Agent von Sektion 31, Versetzung auf die Discovery und schließlich Chef von Sektion 31. Was das mit sinnvollem Charakteraufbau zu tun haben soll, wissen nur die Autoren.

Und dann kommen wir zum Schluss noch zu Saru. So spannend es war, den Kelpianer seiner Angst zu berauben, so wenig holte man aus der Sache heraus und ruderte schließlich sogar zurück, indem man ihm seine Fähigkeiten teilweise wiedergab. Dank Doug Jones macht die Figur zwar dennoch immer Freude, geht aktuell aber auch als Charakter der verschenkten Möglichkeiten in die Seriengeschichte ein.

TOP: Atemlose Spannung

Zyniker mögen, wie bereits erwähnt, sagen, dass die Serie oftmals über Logiklöcher wie ein wildgewordener Vorlone hinwegrollt. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Einwand sicher nicht. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Spannung und das Tempo der Staffel auch große Pluspunkte darstellen.

Langeweile gab es in den vierzehn Episoden nie. Ähnlich wie in der siebten und achten Staffel von Game of Thrones passierte eher zu viel, was uns von einer Krise zur nächsten, von einer emotionalen Szene zur anderen und von einem Drama ins nächste führte. Auch hier gilt: Star Trek hat sich damit komplett neu erfunden. Das mag erneut ein zweischneidiges Statement sein, wenn man an die vielen wunderbar entschleunigten Abenteuer der klassischen Serien denkt, es birgt aber neben der Anpassung an den Zeitgeist auch einen ganz eigenen Reiz, der nicht wegdiskutiert werden sollte!

FLOP: Mangelnde Innovation

So schön es ist, dass die Autoren sich an Trek-Geschichten und Figuren der Vergangenheit erinnern, so sehr zeigt dieser Umstand aber auch, wie leer ihr eigenes Universum abseits dieser ausgetretenen Pfade ist.

Klingonen, Spiegeluniversum, Vulkanier, Andorianer, Zeitreise – Star Trek: Discovery spult, anderslautenden Behauptungen zum Trotz, bisher ein Programm ab, das man ketzerisch sogar als „best of“ bezeichnen kann. Zwar stecken in vielen Details auch gute Ideen, das große Worldbuilding ist bisher aber nicht ausgebrochen. Diese Trek-Welt atmet von den Versatzstücken den Geist der Vergangenheit und es wäre zu wünschen, dass der Sprung in eine ferne Zukunft den Mut mit sich bringt, eine eigene Landkarte zu entwerfen. Denn Mut ist eigentlich gar nicht das Kernproblem …

TOP: Mut!

Schwanz einziehen gilt bei den Machern der Serie wahrlich nicht. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie so gerne heiße Eisen anfassen und dann auch durchziehen.

In diesem Jahr konnte man das sehr gut anhand von Captain Pike und Spock nachvollziehen. Christopher Pike kannte man aus The Cage (Der Käfig) und den Reboot-Filmen eigentlich kaum. So gelang es dann auch, die Figur um verschiedene Facetten zu bereichern, Rückbezüge auf den Originalpilotfilm zuzulassen und niemals den Bereich zu verlassen, der dem bisher Bekannten zu stark widersprochen hätte. Das Experiment Pike darf nicht zuletzt aufgrund der grandiosen Darstellung durch Anson Mount als derartig gelungen bezeichnet werden, dass man sich gar eine Anschlussserie mit dem Captain der Enterprise und seiner Crew gewünscht hätte.

Das hatte auch in großem Maße mit der Mitwirkung von Ethan Peck als Spock zu tun. In diesem Fall war die Fallhöhle ungleich drastischer. Etwas Neues über den beliebten Vulkanier zu erzählen war kaum denkbar, der gewählte Ansatz wirkte zudem durchaus gefährlich. Dennoch gelang es, die Figur greifbar zu schreiben, glaubhaft darzustellen und neu zu erfinden, ohne sie zu verraten. Zwar gefiel Peck mit Bart letztlich fast besser als ohne, man hätte sich aber bestimmt auch an den eigentlich so vertrauten Look gewöhnt.

Star Trek

Dazu kam noch der krasse Eingriff auf Kaminar, der zwar nicht gut begründet und später nicht ausreichend verfolgt wurde, der aber als courage under fire durchaus durchgehen kann. Wenn jetzt noch schwere Fragen nach schweren Entscheidungen erlaubt, gestellt und beantwortet werden, kommen wir der Sache noch viel näher. Es ist aber in jedem Fall gut, dass neue Wege gegangen werden, die nichts mit dem späten Berman und seinem play it safe zu tun haben. Dafür geht der Daumen eindeutig nach oben.

Auch visuell bewies man Mut, indem man das Design der klingonischen Masken und Outfits nach der Kritik am ersten Jahr überarbeitete. Dazu erlaubte man sich sogar noch spaßige Dialogzeilen und rückte ein paar andere Kanonprobleme (Holotechnik) halbwegs gerade. An Selbstironie fehlt es also auch nicht.

Nicht zuletzt bewiesen die Verantwortlichen diesen Mut aber auch am Ende, als sie das Schiff rund 1000 Jahre in die Zukunft reisen ließen. Der neue Handlungsort: offen. Alles ist möglich!

… das unentdeckte Land

Dieser letzte positive Aspekt bringt uns dann auch endgültig zum Blick in die Zukunft. Star Trek: Discovery hat sich in verschiedenen Bereichen eine gute Basis aufgebaut, die es nun in weiteren Staffel auszubauen gilt. Die Autoren haben sich mit dem Sprung in eine ferne Zukunft (in der noch keine Trek-Serie zuvor gewesen ist) von allen Kanonfesseln befreit und können erstmals frei agieren – wenn sie denn wollen! Die Versuchung und Möglichkeit, bekannte Motive und Spezies wiederaufleben zu lassen, wird nicht gering sein. Fragen nach zukünftigen Formen der Borg, Cardassianer, Klingonen, Romulaner oder dem Schicksal von Figuren und Schiffen werden zwangsläufig im Autorenteam auf den Tisch kommen. Hier gilt es dann sorgfältig abzuwägen, welches Fass man aufmachen möchte und welches besser zubleibt.

Die Möglichkeiten sind jedoch enorm. Mit der bewährten Crew, den sympathischen Darstellerinnen und Darstellern und der technisch grandiosen Umsetzung kann die Serie noch vieles erreichen. Schlauer sind wir im Frühjahr/Sommer 2020.

Doch bin dahin wendet sich der Blick vorerst auf die Fortsetzung der Geschichte einer Legende: Jean-Luc Picard in der sinnig betitelten Serie Star Trek: Picard entert Ende diesen Jahres noch die Fernsehschirme. Wir von SYFY sind natürlich auch dann ganz nah dran an den Abenteuern, die hierzulande bei Amazon Prime gestreamt werden.

Bis dahin: Lebt lang und in Frieden.

Star Trek: Picard

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

Das Buch ist bei Amazon und vielen anderen Händlern erhältlich.

Über den Autor & Gastgeber von Planet Trek fm:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist im Oktober der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Im Dezember startete mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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