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Star Trek im Kino: Klassik, Pop & Heavy-Metal

Vor 39 Jahren kam der erste Star-Trek-Film ins Kino, aktuell warten die Fans gleich auf zwei brandneue Abenteuer. Dreizehn Filme sind bisher auf der großen Leinwand erschienen. Doch worin unterscheiden sie sich? Was definiert sie? Und in welcher Inkarnation steckt am meisten Star Trek? Björn Sülter hat sich zu den drei Phasen dieses langlebigen Phänomens seine Gedanken gemacht - und die Antwort in der Musik gefunden.

Star Trek

1979 bis 1991: Mut zur Entschleunigung

Die Fans der originalen Star-Trek-Fernsehserie mussten lange warten, ehe eine Fortsetzung der Geschichte ihrer Helden zu sehen war. Paramount hatte zwischenzeitlich immer mal wieder mit einem Kinofilm geliebäugelt, dann doch wieder eine neue Serie favorisiert (Star Trek: Phase II) und schließlich – nicht zuletzt aufgrund des großen Erfolgs von Star Wars – wieder die Filmschiene zur richtigen Vorgehensweise auserkoren.

Doch zunächst erwies sich dieser Weg als steinig. So negierte man alle Stärken der Serie und brachte mit dem ersten Leinwandabenteuer zwar durchaus einen gelungenen SF-Film, aber eben kein Star Trek heraus. Erst der Schritt zurück in die Geschichte der Serie und zu einer handwerklich angemesseneren Umsetzung brachte den Erfolg. Bis zum vierten Teil, der die Massen verzauberte, gewann die Marke Star Trek im Kino stetig dazu, ehe Egospielchen hinter den Kulissen für den schwachen fünften Film sorgten und das Franchise fast an den Rande des Abgrunds führten. Dass die Crew schließlich doch noch einen runden Abschluss im wunderbaren sechsten Film erhielt, war ein Segen und sorgte dafür, dass in der Summe das Gros der Filme als gelungen bezeichnet werden kann.

Star Trek im Kino war in den späten 1970er- bis frühen 1990er-Jahren völlig old-school, aber liebenswert und humorvoll – eben klassisch, wie die Serie.

1994 bis 2002: Unklare Prioritäten & Selbstsicherheit

Der letzte Film der Classic-Crew hatte die Reihe mit Bewährtem und Bekanntem zurück in die Spur gebracht. Dementsprechend gingen die Macher auch auf Nummer sicher, als es an die Nachfolgeregelung für Captain Kirk und seine wackere Rentnergang ging. Man wählte die erfolgreiche Crew aus Star Trek: The Next Generation für den Gang ins Kino aus, leitete den Übergang auf dem Zenit der Show ein, behielt größtenteils die Seriendramaturgie bei und peppte alles nur für die große Leinwand auf. Greatest Hits mit neuem, schmissigerem Beat wenn man so will.

Dadurch gelang der Sprung ohne allzu deutliche Reibungsverluste. Picard und Co waren sich und ihrer Reihe in Star Trek Generations, Star Trek: First Contact, Star Trek: Insurrection und Star Trek: Nemesis absolut treu. Man spielte mit bekannten Antagonisten (Borg, Romulaner), brachte beliebte Figuren zurück (Guinan, Barclay, Ogawa), erlaubte Trek-Cameos (Holodoc, Zephram Cochrane, Admiral Janeway) und huldigte dem Kanon (Datas Emotionschip, Picards Familie, die Gefühle von Riker und Troi). Einzig die Causa Q wurde zu einem großen Versäumnis, da man den beliebten Charakter nicht mit in ein großes Abenteuer holte.

Dennoch: Star Trek spielte bis zum Jahr 2002 selbstbewusst im eigenen, großen Universum und verlor dabei einzig und alleine den Wandel im Blockbusterkino aus den Augen. So kam es, dass besonders die letzten beiden Werke vollkommen an den Sehgewohnheiten eines Massenpublikums vorbeischossen und bereits zu ihrem Erscheinen irgendwie aus der Zeit gefallen wirkten. Auch viele Bands der Musikgeschichte mussten erkennen, dass man nur eine gewisse Zeit zur Verfügung hat, den immer gleichen Hit zu variieren. Irgendwann ist einfach Schluss und die Menschen wenden sich ab. Interessanterweise war der Zeitgeist in dieser Phase des Franchise für die Macher aber schlicht kein Faktor gewesen. Star Trek spielte die eigenen Stärken aus und musste sich zunächst nicht anpassen. So  trotzte man erstaunlich lange dem sich vollziehenden Wandel – eben wie ein guter Popsong.

Doch noch etwas anderes kam ins Spiel: Nach der dramaturgisch etwas zu erzwungenen Staffelübergabe im ersten Abenteuer setzte man auf einen beliebten Erzfeind und erschuf damit den wohl besten Film der Reihe. Danach verlor man jedoch den Faden: Der dritte Film konnte sich nicht zwischen Romantik, Humor und Message entscheiden und geriet zu einer überlangen und nicht besonders guten Fernsehfolge. Der letzte Teil versuchte dann wieder die Düsternis des Borg-Abenteuers zum Leben zu erwecken, scheiterte aber an einem zu klischeehaften Drehbuch und einem unpassenden Regisseur, der die Materie nicht kannte und auch nicht verstehen wollte.

Man hatte sich an dieser Stelle verrannt und den Punkt verpasst, an dem man dann doch einmal nach links oder rechts hätte schauen sollen. Der Markt war nicht mehr derselbe und Star Trek zu lange stehengeblieben – eine Diagnose die leider auch den TV-Sektor betraf und im quotenbedingten Scheitern von Star Trek: Enterprise gipfelte.

Letztlich war die Zeit der Enterprise-D-Crew im Kino dennoch eine erfolgreiche, erhielt aber nicht angemessen viele Höhepunkte und leider auch kein so stimmiges Ende, wie die Kollegen von der alten Enterprise. Hätte man nach dem Borg-Erfolg im dritten Film vielleicht doch einfach Q auf die Crew losgelassen,sein simples Fingerschnippen hätte für eine Fortsetzung des Momentums sorgen können. Das werden wir jedoch leider nie erfahren.

Seit 2009: Der Big Bang für ein neues Publikum

Der Kollaps der Marke Star Trek im Kino war noch kein Jahrzehnt her, als ausgerechnet Hollywoods heißester Golden Boy für einen neuen Versuch sorgen wollte. J. J. Abrams hatte zugegebenermaßen wenig Ahnung von der komplexen Materie, nahm sich dafür aber mit vollen Händen das heraus, was ihm gefiel und machte daraus mit einem kompetenten Team von Blockbuster-Experten Star Trek für eine neue Generation.

Star Trek (von 2009) war eine kunterbunte Achterbahnfahrt voller Humor, Slapstick, Action und toller Effekte. Als größte Leistung muss man allerdings das grandiose Casting bezeichnen, mit dem Abrams und sein Team die Herzen der Fans im Sturm gewann. So konnte auch die alte Garde mit diesen Figuren wirklich Spaß haben, die so neu und doch so vertraut daherkamen.

Star Trek Into Darkness war als Nachfolger zwar inhaltlich ein durchaus fragwürdiger Film, beachtete aber die Gepflogenheiten des Marktes und konnte finanziell sogar noch zulegen. Nicht zuletzt, weil er mit Benedict Cumberbatch einen hippen Star an Bord hatte. Star Trek Beyond schließlich erlaubte man, ein wenig zu dem zurückzukehren, was den ersten Film ausgezeichnet hatte: Herz und Humor. Da man seitens Paramount jedoch einen Schlingerkurs in Sachen Marketing fuhr und nebenbei auch noch den 50. Geburtstag nicht als Pfund sondern Bürde betrachtete, versenkte man ein besseres Einspielergebnis.

Dennoch sind die Filme fraglos erfolgreich genug, um eine Fortsetzung der Reihe zu garantieren. Dass sie dazu Star Trek auf den aktuellen Stand der Technik und angesagter Erzählmuster gehievt haben, ist ein Beigeschmack, der je nach persönlichem Empfinden schal oder angenehm erscheinen mag. Die dritte Inkarnation im Kino ist in jedem Fall eines: Ein Kind ihrer Zeit, verdammt cool und irgendwie Heavy-Metal-Trek - eben laut und krachig wie der so gern zitierte Song Sabotage von den Beasty Boys!

We’re not in Kansas anymore

So kann man die drei Phasen der Kinogeschichte von Star Trek dann auch ganz einfach einordnen.

Bei der Classic-Besetzung probierte man zunächst etwas Neues aus, kehrte schnell zum Bewährten (Khan, Humor) zurück, ließ einen Mehrteiler (vom zweiten bis zum vierten Film) zu und überlebte sogar einen Riesenflop mit der Suche nach Gott. Die Filme der Crew um Captain Kirk wurden dadurch inhaltlich so vielfältig wie die Serie und bestachen durchweg durch den Humor der Helden. Star Trek war hier inhaltlich noch absolut bei sich.

Bei der Crew um Captain Picard setzte man von Beginn an genau das fort, was man sieben Jahre lang bereits getan hatte - wenn auch inhaltlich gesehen etwas abgespeckt. So wirkte die ewige Variation der Themen "Gegenspieler" und "Endkampf" (Soran, Borg-Queen, Ru'afo, Shinzon) wie der im Kern immer gleiche Refrain einer mutlosen Band, mit einem nur rudimentären Unterschied zum Vorgängersong. Warum denke ich gerade an Modern Talking? Dennoch steckte in vielen Momenten noch eine Menge von der nachdenklichen Science-Fiction, die die Serie so lange geprägt hatte.

Das war aber natürlich nur möglich, weil die Filmreihe direkt an die Produktion der Serie anschloss und die bestens geölte Maschine nicht ins Stocken geriet – beiden Kollegen zuvor hatte es nach der Serie eine Lücke von rund 10 Jahren gegeben! Dass man sich hier nun komplett dem Zeitgeist verweigerte, war dem Momentum zuzuschreiben, welches das Franchise in den 1990er-Jahren aufgebaut hatte. Ob diese arg verwaltende Haltung am Ende ein längeres Leben der Crew im Kino verhindert hat, muss offenbleiben.

Die neuen Abenteuer um die Reboot-Crew indes setzten vom ersten Moment komplett auf den Zeitgeist und zogen sich nur das aus den alten Abenteuern heraus, was ausreichend Wiedererkennungswert besaß. Damit schloss man die Tür zu einem größeren Publikum auf und positionierte das altehrwürdige Franchise als zukunftsfähig, wollte aber den Anspruch an die Handlung und die Zugeständnisse an ur-trekkige Themen nicht mehr zu hochgehängt wissen.

Noch bunter, noch härter?

Doch was wird diese Zukunft bringen? Dem Vernehmen nach sind aktuell zwei weitere Abenteuer mit der Crew der Reboot-Filme in Produktion. Einer klingt eher klassisch (und soll unter der Regie von A. J. Clarkson entstehen), einer dürfte alleine schon durch die Beteiligung von Quentin Tarantino ein wenig experimentierfreudiger werden.

Generell wird es jedoch dabei bleiben: Die neuen Filme sind großformatig, perfekt inszeniert, stecken voller Humor und Action und erzählen am Rande eine nette Geschichte mit sympathischen Figuren. Das wird zwar auch weiterhin kein allzu großes Star Trek im klassischen Sinne sein, aber dafür genau das, was im Kino heutzutage verlangt wird. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Conclusio

Bei keinem anderen popkulturellen Phänomen ist der Gedanke der Meinungsvielfalt so ausgeprägt wie in Star Trek. Sie steht dort sozusagen in der DNA. Daher bildet diese Kolumne selbstverständlich nur eine vollkommen subjektive Meinung ab. Der wichtigere Teil folgt immer im Anschluss: Was denkt ihr? Ist an der Sache was dran? Oder handelt es sich um blanken Unsinn? Lasst die Diskussion beginnen und preist die Meinungsvielfalt - denn das ist Star Trek!

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

Das Buch enthält Illustrationen von Ralph Sander (Das Star Trek Universum) sowie Kommentare zu den verschiedenen Serien von Mike Hillenbrand (TREKminds, 40 Jahre Star Trek), Christian Humberg & Bernd Perplies (Star Trek: Prometheus), Lieven L. Litaer (Der kleine Prinz auf Klingonisch) und Ralph Sander (Das Star Trek Universum). Hinzu kommen O-Töne von Thorsten Nobst zur Synchronisation von Star Trek: Discovery und ein Interview mit dem deutschen "Mr. Star Trek" Gerhard Raible (Trekworld Marketing).

Das Buch ist bei Amazon und vielen anderen Händlern erhältlich.

Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.