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Star Trek: Lower Decks - Rezension zur Episode 1.01 "Second Contact"

Die Serie ist gelandet! Mit sympathischen Figuren und lässiger Nostalgie liefern die Macher eine überwiegend gelungene Pilotepisode, an deren Rasanz sich beinharte Trekkies aber sicher erst gewöhnen müssen.

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von Björn Sülter

Bereits zum neunten Mal seit 1966 startete am vergangenen Donnerstag in den USA eine Star-Trek-Serie. Und erneut mussten die Macher das große Ziel erreichen, ihr Publikum mit dem ersten Eindruck für das neue Produkt zu begeistern. Es handelt sich um die zweite Animations- und die dritte Streaming-Serie des Franchise, nachdem von 1966 bis 2005 alle Shows frei empfangbar gewesen waren.

Star Trek: Lower Decks befindet sich bereits für den deutschen Markt in Arbeit. Wir halten euch auf dem Laufenden, auf welchem Streamingdienst (oder Sender?) der neuste Streich landen wird. Lange sollte es aber nicht mehr dauern.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei. Wer also nichts über die einzelnen Episoden wissen möchte, liest sie einfach erst nach Verfügbarkeit in Deutschland.

Reise durch die Vergangenheit

Während bei der Originalserie nach einem abgelehnten Pilotfilm (The Cage/Der Käfig) und einem übergangenen (Where No Man Has Gone Before/Spitze des Eisbergs) schließlich auf Wunsch des Senders die Episode The Man Trap (Das letzte seiner Art) als Startpunkt herhalten musste, hatten die Macher bei den Folgeserien den Luxus, echte Pilotfilme (im 90-Minuten-Format) maßzuschneidern. Sowohl bei TNG (Encounter at Farpoint/Der Mächtige+Mission Farpoint), DS9 (Emissary/Der Abgesandte), Voyager (Caretaker/Der Fürsorger) und Star Trek: Enterprise (Broken Bow/Aufbruch ins Unbekannte) ging man zwischen 1987 und 2001 immer nach dem gleichen Schema vor: Kennenlernen der Crew und des Settings, erstes Problem (erste Mission) und Start ins reguläre Abenteuer.

2017 ließ man Star Trek: Discovery dann zwar auch mit einer Doppelfolge starten (The Vulcan Hello+Battle at the Binary Stars/Leuchtfeuer+Das Urteil), grenzte aber klar ab und lieferte erstmals eine Art Charaktervorgeschichte über Michael Burnham als Einleitung für die reguläre Serie (die dann mit der dritten Episode erst das Schiff und die restliche Crew etablierte). Star Trek: Picard ging dann wieder einen Schritt zurück und beließ es bei einer Episode (Remembrance/Gedenken), die das grobe Setting beschrieb, in dem eine hinlänglich bekannte Figur sich inzwischen bewegte.

Second Contact, der Auftakt von Star Trek: Lower Decks, ist nun gewissermaßen ein Mix verschiedener Ansätze. Man entschied sich für eine klassische Kennenlernepisode mit erster gemeinsamer Mission, beließ es aber bei den hier üblichen 30 Minuten und einer Einzelepisode.

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Idee bekannt, Ausführung neu

Bereits in der gleichnamigen Episode Lower Decks (Beförderung) aus Star Trek: The Next Generation hatten wir erlebt, wie es den weniger wichtigen Offizieren und Offiziersanwärtern an Bord eines Sternenflottenschiffes ging. Diesen Ansatz griff Mike McMahan für seine eigene Serie nun auf und verlagerte den Fokus auf vier Fähnriche, die ihren Weg zu Ruhm und Ehre an Bord eines Sternenflottenschiffes erst noch finden müssen. Auch weitete McMahan den Ansatz insofern aus, dass die Cerritos nicht gerade zur A-Liste der Flotte gehört. Während andere mit wirklich wichtigen Missionen betraut sind, muss die Crew dieses Schiffes eher die kleineren Job erledigen. So ist man beispielsweise für den Zweitkontakt mit neuen Spezies zuständig.

Zum Inhalt:

Die Geschichte der ersten Episode ist schnell erzählt: Lediglich Tendi kommt neu auf die Cerritos, muss sich direkt mit den neuen Kolleginnen und Kollegen arrangieren und sieht sich einem Krankheitsausbruch gegenüber. Was folgt ist eine wilde Zombie-Apokalypse mit schnellem Ende, die den eigentlichen Zweitkontakt überlagert. In einer Nebenhandlung soll Boimler auch noch Mariner im Auge behalten. Am Ende erfahren wir, dass Letztere die Tochter des Captains ist.

Fans in Serie

Eine witzige Idee kann man sich noch zurechtspinnen, wenn man sich die vier Hauptfiguren einmal genauer anschaut. Sie verkörpern nämlich neben ihrer narrativen Funktion innerhalb der Geschichte auch sinnbildlich vier verschiedene Arten von Trekkies.

Brad Boimler, paragraphentreu und interessiert, steht für den Typus Fan, der bereits seit vielen Jahren mit dabei ist und viel in den Werten, Lektionen und der Moral aus den verschiedenen Serien erkennt und für sich adaptiert hat. Er kennt die Schwächen des Ganzen, kann damit jedoch (noch) leben. Doch bis zu welchem Punkt?

Beckett Mariner, die eine belastete Vergangenheit mit der Sternenflotte besitzt, repräsentiert den leicht griesgrämigen Typus Fan, der über die Jahre eine gewisse Distanz zu (neuem) Star Trek aufgebaut hat und dadurch leicht und schnell mit Kritik zur Stelle ist und eher alles erstmal schlechtredet.

D’Vana Tendi, die "Neue" auf der Cerritos, steht für einen unbedarften Neu-Fan, eine Person, die vielleicht frisch zum Franchise gekommen ist und sich immer noch begeisterungsfähig und offen für alles zeigt.

Sam Rutherford sucht derweil nach Neuem im immer Gleichen und findet dies zumindest aktuell auf der Mission der Cerritos.

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Kurz und schmerzlos

Über den Gehalt der verschiedenen A-, B- und C-Geschichten darf man sich keinen Illusionen hingeben. Die Zombie-Seuche an Bord bricht wie ein Gewitter los, eskaliert sofort und wird später in Sekunden geheilt. Die Situation um Boimler auf dem Planeten rund um das Glibbermonster dient ebenfalls nur als Comedy-Effekt. Der Zweitkontakt spielt nur am Rande eine Rolle.

Im Vordergund steht das Kennenlernen unserer Heldentruppe, der alltägliche Wahnsinn und die Information zum Verwandschaftsverhältnis zwischen Mariner und Captain Freeman. Mit diesem Konflikt zwischen Tochter und Mutter und ihrem Vater (der Admiral ist) setzt man dann auch gleich eine hübsche Nebengeschichte an, die sicher über die Staffel immer wieder relevant werden wird.

Zu den bisherigen Höhepunkten zählen der gestörte Logbucheintrag von Boimler zu Beginn sowie der kurze Diskurs über die Politik der Sternenflotte zwischen Mariner und Boimler. Auch die Chemie zwischen den Figuren sowohl der spannende Blickwinkel von unten zu "denen da oben" macht Laune. Es wird interessant sein, wieviel Wachstum McMahan und sein Team den animierten Figuren über die Episoden (und Staffeln) erlauben. Der Start ist in jedem Fall auf sympathische Weise gelungen.

Technisch gesehen gibt es ebenfalls kaum Grund für Beanstandungen. Die Voice-Actor machen einen tollen Job, die Animationen hauchen den Figuren leben ein und die Welt der TNG-Ära erfährt eine Auferstehung, die einfach nur Freude macht. Die musikalische Untermalung zitiert dezent die Vorbilder, geht aber einen eigenen, erfreulichen Weg und die Handlungsstruktur erinnert an die gute alte Trek-Zeit, wenn auch im stark komprimierten Format.

Wenn man über Comedy spricht, muss selbstverständlich auch die Trefferquote der Gags Erwähnung finden. Allerdings bewegen wir uns hierbei so stark im Bereich des individuellen Geschmacks, dass ein Urteil an dieser Stelle noch subjektiver ausfällt als eine Rezension ohnehin schon ist. Belassen wir es also vielleicht bei einem vorsichtigen Statement: Da gibt es noch ne Menge Luft nach oben! Einige Sequenzen bergen einen gewissen Charme, einige Witze zünden, andere jedoch verpuffen. Richtig peinlich wird es zumindest nie. Die Basis ist vorhanden, jetzt heißt es darauf aufzubauen.

Jubel, Trubel, Heiterkeit?

Sucht man noch die einzige echte Fliege in der Suppe, wird man je nach persönlichem Geschmack eventuell bei der Gangart (und dem Tempo) des Ganzen fündig. So überzeugend und farbenfroh die Animationen gelungen sind, so sehr zieht McMahan die Schraube in Sachen Dialoggeschwindigkeit gleich zu Beginn an. Verschnaufpausen sind kaum auszumachen. Man fühlt sich wie in einem halbstündigen Sog aus Action und wilden Wortbeiträgen. Das ist einerseits für dieses Sendeformat aber nichts Außergewöhnliches und andererseits auch eine Sache der Gewöhnung für Trekkies, die ansonsten bei Serien dieser Machart nicht so zuhause sind.

Dennoch darf man einen Gag auch gerne mal kurz atmen lassen. Ebenso wäre es denkbar, einer laufende Handlung zumindest kurz den Freiraum zu lassen, nicht ausschließlich von A zu B zu C zum Ziel zu springen und die Figuren (und die Zuschauer) überlegen und dann agieren zu lassen. Da wir hier aber bisher nur über eine einzige Episode sprechen, erübrigen sich zu frühe Schlussfolgerungen. Denkt man beispielsweise daran, was The Orville in der ersten Episode für ein Feuerwerk abzubrennen versuchte (und damit ebenfalls deutlich überzog) und wie die Serie sich später entwickelte, darf man auch hier eher hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. McMahan wollte zum Start sicher alles geben. Warten wir einfach ab, was als Nächstes passieren wird.

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Easter Eggs

  • Der Vorspann setzt voll auf die Nostalgiewelle: Von der TNG-Schriftart über das Layout des Serientitels und die Anleihen an den Vorspann von Voyager und DS9 vermengt man hier alles, was uns Fans lieb und teuer ist und versieht es mit einem Twist. Am Ende schwebt die Cerritos dann auch noch wie einst die Enterprise von dannen. Dass wir sogar noch einen eingeblendeten Episodentitel wie früher erhalten, geht als schickes Bonbon durch.
  • Diverse bekannte Aliens kommen vor: Dazu gehören ein Benzite, ein Andorianer, eine Trill, ein Bolianer, ein Halbklingone (vermutlich halb menschlich) und eine Orionerin (Hauptfigur Tendi). Außerdem sieht die eine Dame an der Bar aus wie eine Verwandte von Jaylah aus Star Trek Beyond.
  • Die Sternenbasis Douglas Station sieht 1:1 so aus wie im dritten klassischen Kinofilm und TNG.
  • Zwei Crewmitglieder der Cerritos tragen eine Art VISOR, wie einst Geordi LaForge in TNG.
  • Zu Beginn der Episode kann man in der Abstellkammer Nomad erkennen.
  • Passend zur Schiffsklasse wurden die Shuttles nach Orten in Kalifornien benannt: Yosemite, Joshua Tree, Redwood und Death Valley.
  • Als der Wahnsinn auf dem Schiff losbricht erhält ein Vulkanier durch die schwarze Pampe im Gesicht den Look von Mirror-Spock aus der Originalserie.
  • Der Spaziergang auf der Hülle erinnert an die Szene aus Star Trek: First Contact (Star Trek: Der erste Kontakt)
  • Zweimal wird die Zahl 79 erwähnt. Ein Zufall? Die Originalserie hatte 79 Episoden.
  • Mariner erklärt sich am Ende zur Mentorin für Boimler und bezeichnet sich selbst als cha’DIch. Diesen Ausdruck kennen wir. Picard hatte diese Rolle für Worf einst übernommen.
  • Eine Zombie-Geschichte wie diese hatten wir zuletzt in Impulse (Impulsiv) aus Enterprise gesehen. Natürlich waren die Vorzeichen aber komplett andere.
  • Wie in der TNG-Episode Ensign Ro (Fähnrich Ro) geht es auch hier um die Bürokratie der Sternenflotte, die verhindert, dass Bedürftigen schnell geholfen werden kann.
  • Der Argo Buggy, mit dem Mariner auf Spritztour fährt, war bisher in Star Trek: Nemesis zu sehen gewesen.
  • Mariner bringt von ihrem Landurlaub auf der Douglas Station ein bat’leth, saurianischen Brandy und eine Waffe von Ligon III aus Code of Honor (Der Ehrenkodex) aus TNG mit.
  • Das Toolkit von Rutherford sieht exakt so aus wie die bisher bekannten, beispielsweise das von Miles O`Brien bei DS9.
  • Das zylindrische Gepäck von Tendi erinnert stark an ähnliche Modelle aus TNG.
  • In der Bar laufen die Kellner in grünen Uniformen herum; wie in 10 Forward auf der Enterprise von Captain Picard. Die Gläser sehen außerdem ebenfalls aus wie aus dem Bestand von Guinan.
  • Die Signalverstärker des Außenteams kennen wir ebenfalls aus allen klassischen Trek-Serien ab TNG.
  • Das Holodeck ist 1:1 aus TNG und dem Finale von Enterprise übernommen, der Warpantrieb von der Bauart ebenfalls wie zuletzt in Star Trek: Nemesis zu sehen.
  • "Old guy with an eyepatch." denkt da noch jemand an General Chang? Der lebt aber definitiv zu dieser Zeit nicht mehr.
  • Am Ende feuert Mariner dann noch aus allen Rohren, erwähnt Spock und wie er von den Toten zurückkehrte, den Genesis-Torpedo und Khan aus dem zweiten klassischen Kinofilm, die Wale aus dem vierten Kinofilm, Sulu und seine Schwertkunst, Kirk, Worf, Gary Mitchell (!) und Deanna Troi samt ihrer legendären Einteiler.

Fazit

Die Pilotepisode von Star Trek: Lower Decks macht vieles richtig, legt dabei aber auch ein extrem hohes Tempo vor, mit dem man es zeitweise vielleicht zu gut meinte. Wenn die sympathischen Figuren, die witzigen Referenzen an bekannte und beliebte Charaktere und Geschehnisse der Vergangenheit und die Missionen an sich noch etwas mehr Luft zum atmen erhalten, könnte die Serie ein echtes Fest für nostalgisch veranlagte Trekkies werden, die sich insbesondere mit Liebe und Begeisterung an die Phase von TNG bis Voyager erinnern. Zieht man den Stil durch, wird es letztlich zur Gewöhnungs- oder Geschmacksfrage, ob man mit dem turbulenten Treiben Schritt halten mag oder kann.

Für den Moment ist es Mike McMahan aber in jedem Fall gelungen, dieses für Star Trek vollkommen neue Format aus dem Stand zu etablieren und dabei noch seine offenbar riesengroße Wertschätzung für das Franchise in 30 unterhaltsame Minuten zu verpacken. Mehr konnte man zum Auftakt wirklich nicht erwarten.

*

Kommende Woche geht es weiter mit Ausgabe #50 von Planet Trek fm und der Besprechung von Second Contact. Gastgeber Björn Sülter empfängt dazu Autor Christian Humberg und Co-Pilot Moritz Wolfart. Zum nächsten Wochenende folgt dann wieder eine neue Rezension zur zweiten Episode der Serie.

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