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Star Trek: Lower Decks - Rezension zur Episode 1.03 "Temporal Edict"

In einer weiteren turbulenten Episode lernen wir Serie und Crew von einer sehr untrekkigen Seite kennen und werden erneut mit reichlich Referenzen und Kanonanleihen versorgt.

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von Björn Sülter

Star Trek: Lower Decks befindet sich bereits für den deutschen Markt in Arbeit. Wir halten euch auf dem Laufenden, auf welchem Streamingdienst (oder Sender) der neuste Streich landen wird.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei. Wer also nichts über die einzelnen Episoden wissen möchte, liest sie einfach erst nach Verfügbarkeit in Deutschland.

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Zum Inhalt:

Durch eine Planänderung soll die Crew der USS Cerritos auf Gelrak V ein Geschenk überbringen. Das Treffen gerät jedoch durch einen Fehler außer Kontrolle und bringt schließlich sogar das Schiff in Gefahr. Boimler ist derweil Schuld daran, dass Captain Freeman die Abläufe an Bord verschärft, was die Krise noch weiter eskalieren lässt ...

wesley, porthos & ransom

Nach dem obligatorischen Comedy-Beginn (diesmal mit einem kleinen Konzert von Boimler an der Violine und dem Heavy-Metal-Duo aus Mariner und Tendi) entwickelt sich die dritte Episode in Sachen Handlungsführung zu einer für Trek-Verhältnisse recht klassischen Angelegenheit. Wir erleben sogar erstmals genauer einige Vorgänge auf der Brücke und den Frust von Captain Freeman, die man von einer wichtigen Mission abzieht, um anderswo weniger relevante Arbeiten zu verrichten. Die Macher führen uns hier vor Augen, dass auch innerhalb der Sternenflotte nicht jede Mission glorreich und relevant sein kann. Eher untrekkig ist dann jedoch, wie offen der Captain mit ihrem Frust umgeht. Doch wie bei Futurama ("You gotta do what you gotta do") muss die Crew sich auch hier natürlich den Befehlen des ersten "Badmirals" der Serie fügen.

Ganz in der Tradition von A Night in Sickbay (Eine Nacht Krankenstation) aus Star Trek: Enterprise "gelingt" es Commander Ransom beim folgenden Treffen, ein Volk durch eine simple Unachtsamkeit so sehr zu beleidigen, dass sofort ein offener Kriegszustand ausgerufen wird. Nun war die erwähnte Episode nicht gerade ein intellektueller Geniestreich und der Aufhänger (Porthos pinkelt an einen heiligen Baum) mindestens genauso albern wie die Verwechslung der Dreingabe hier. Die Autoren erinnern uns sogar an den Porthos-Zwischenfall, indem statt eines Kristalls ein Stück Holz in der Kiste liegt.

Es kommt wie es kommen muss: Das Außenteam gerät in Gefangenschaft und schließlich steht ein Kampf um Leben und Tod an. Das alles erinnert natürlich insbesondere an Episoden der Originalserie (die auch fröhlich zitiert wird) oder auch aus TNG. Man denke dabei an Wesley und den aus Versehen betretenen Rasen in Justice (Das Gesetz der Edo). Der Crusher-Sohn musste dort aber immerhin nicht kämpfen. Captain Picard versuchte es zunächst mit einer Rede (die Ransom hier in bester Tradition ebenfalls direkt zu schreiben beginnt) und setzte seinen Willen später einfach durch (was damals ebenfalls nur wenig trekkig war). Ransom hingegen macht uns hier den Kirk, zerreisst sich das Hemd und besiegt einen (offenkundig) bisher unbesiegten Riesen.

Ich will Spaß, ich geb Gas

Auf der USS Cerritos ist die Lage derweil noch brisanter. Dank Boimler (der sich gegenüber Captain Freeman verplappert) werden neue Verfahrensweisen eingeführt, die dafür sorgen, dass die komplette Crew nach kurzer Zeit bereits am Rande der Erschöpfung arbeitet und Fehler über Fehler passieren.

Trek me now before you go-go

In der Summe steht die Episode sinnbildlich für einen Konflikt, den die neue Serie nach drei Episoden noch nicht ausreichend gelöst hat. Die Vorgabe von Mike McMahan war es, eine kanonische Trek-Serie zu präsentieren, die uns von einem Schiff erzählt, auf dem (auch) humorvolle Dinge passieren. Dennoch wollte er laut eigenem Bekunden die Figuren in der Regel im besten Sinne der Sternenflottenideale handeln lassen.

An dieser Stelle schneidet sich die Show jedoch noch regelmäßig ins eigene Fleisch. Captain Freeman gibt hier eine ähnliche schwache Figur ab wie Captain Archer in der bereits eingangs erwähnten Porthos-Episode. Das sollte jedoch kein Maßstab sein. Die restliche Crew kann derweil offenbar nur halbwegs funktionieren, wenn Freizeit im Vordergrund steht. Captain Freeman verordnet der Crew am Ende sogar extra viel Freiraum. Ein wenig Struktur hat aber noch keiner Crew geschadet, oder? Formattypisch eskalieren die Dinge natürlich schneller als in einer ernsthaften SF-Serie, dennoch ist die Gangart für eine Sternenflotten-Crew schon extrem. Dennoch versteckt sich hier mutmaßlich die Intention der Autoren. Die Welt der Sternenflotte ist keine Welt, in der Menschen nur billige Ressourcen sind; sie ist vielmehr eine Welt der Selbstverwirklichung, in der wir unseren Platz suchen dürfen, finden können und unsere Stärken auszuspielen wissen. Eigentlich ein toller Ansatz! Konterkariert wird diese positive Weltsicht jedoch sofort wieder dadurch, dass Boimler zukünftig für etwas seinen Namen geben muss, was seiner eigenen (hohen) Motivation und Einsatzbereitschaft vollkommen entgegensteht. Die Trek-Welt dieser Zukunft ist also (in Person von Captain Freeman) auch eine bornierte, die nicht hinter die Fassade blicken kann. Wir haben es hier mit einem guten Beispiel zu tun, warum der Serie der eigene Spagat noch nicht gelingt.

Auch sei bezüglich der Aliens die Frage erlaubt: Wie konnte diese Spezies überhaupt an die Schwelle zur Aufnahme in die Föderation gelangen? Ihr paranoides, sprunghaftes und selbstgefälliges Auftreten steht im krassen Widerspruch zu dem, was wir über die Föderationspolitik in solchen Fällen wissen.

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so sehen Helden aus

So steht am Ende der erste Offizier Ransom als Held der Geschichte fest. Nicht nur, dass er es zunächst mit einer schmissigen Rede versuchen wollte, er stand auch für seine Crew ein, zog Mariner vorbildlich aus dem Verkehr und rettete im Alleingang den Tag. Dass er seinen Gegner dafür nicht einmal töten musste, kann er ebenfalls positiv verbuchen und steht in einer Truppe untrekkiger Offiziere und Offiziersanwärter somit diesmal gar sinnbildlich als einziges positives Beispiel für die Bemühungen der Sternenflotte.

Let´s do the timewarp

Die Idee des Zeitsprungs am Ende ist ebenfalls ganz hübsch, dient aber eigentlich erneut nur für Namedropping. Dass Boimler für etwas in Erinnerung bleiben soll, was vollkommen an den Idealen der Sternenflotte vorbeigeht, ist dabei noch das geringste Problem. Die lapidaren Verweise auf Roddenberry ("great bird of the galaxy") und Miles O'Brien wirken schlicht bemüht und deplatziert, auch wenn die Parallele sicher beabsichtigt war. Warum sonst sollte O`Brien ausgerechnet für seine Zeit als Transporterchief auf der Enterprise in Erinnerung bleiben? Wie bei Boimler wird hier der Startpunkt einer Karriere als großes Vermächtnis gefeiert. Die Frage ist nur: warum? Welche Messge steckt dahinter? Liegt der Clou in der Erwähnung von Roddenberry, der ebenfalls für seinen ersten großen Erfolg berühmt wurde? Doch was heißt das dann in Bezug auf Boimler und O`Brien?

Am Ende bleibt das Ganze vermutlich eine nicht vollständig durchdachte Sequenz ohne tieferen Sinn. Die Serienmacher vermeiden es in den meisten Fällen noch, ihre Liebe zum Franchise sinnvoll in die Handlung einzubauen. Da das Verhalten der Figuren obendrauf eine große Abkehr zu dem darstellt, wofür Trek eintritt, stehen diesen am Ende für sich und verpuffen. Ein wenig mehr Balance zwischen Story und Nostalgie wäre für die Zukunft sicher wünschenswert.

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Easter Eggs

  • Die kreative Angabe von Zeitfenstern zur Bearbeitung von Aufgaben geht natürlich auf Scotty zurück, der gerne übertrieb um dann später das Lob für seine Geschwindigkeit einzuheimsen.
  • Lange hat man keine dieser klassischen, oft ernsthaften Unterhaltungen mehr gesehen, nachdem jemand "Turbolift anhalten" gesagt hat.
  • Das Violinenkonzert zu Beginn erinnert an die Konzerte in 10 Forward auf der Enterprise-D.
  • Wir sehen den ersten animierten klassischen klingonischen Bird of Prey der Serie.
  • Cardassia Prime haben wir in DS9 oft besucht, hier wird die Heimatwelt der Cardassianer immerhin erwähnt.
  • Baryon-Strahlung wurde auch in der TNG-Episode Starship Mine (In der Hand von Terroristen) verwendet.
  • Mariner erwähnt Kirk und die 2260er-Jahre.
  • Boimler pfeift im Turbolift das Titelthema von TNG (was auf den ersten Kinofilm zurückging).
  • Mariner zog sich eine ihrer Narben auf Magus III zu. Guinan hatte in TNG immerhin eine Waffe von dieser Welt.
  • Tendi erwähnt die Delta-Schicht. Auf der Enterprise hatte einmal ein gewisser Captain Jellico so etwas eingeführt.
  • Random erwähnt gehörnte Gorillas. Meint er vielleicht Mugatos?
  • Die Frage, ob das Schiff überhaupt 26 Decks habe, könnte auf Momente in den anderen Serien anspielen, wo in verschiedenen Episoden widersprüchliche Angaben dazu vorkamen.
  • Niemand stirbt an einer Speer-Wunde? Ein Verweis auf Picards Verletzung in Who Watches the Watchers (Der Gott der Mintakaner)?
  • In der fernen Zukunft findet der Terminus "great bird of the galaxy" Erwähnung. Dies ist ein Spitzname von Gene Roddenberry.
  • Miles O`Brien wird als "wichtigste Person auf der Enterprise-D" bezeichnet.

Fazit

Die dritte Episode versucht erneut den ganz großen Referenz-Overkill, bleibt dabei aber oft beliebig wie eine Nummernrevue. Die Geschichte an sich ist dabei dermaßen klassisches Star Trek der 60er- und 80er-Jahre, dass es fast schmerzhaft wird vor klischeebehafteten Zeichnungen. Auch in Sachen Sensibilität bleiben viele Fragen offen, die man sich seit Zeiten der desaströsen Episode Code of Honor aus der ersten TNG-Staffel nicht mehr hatte stellen müssen. Das gilt insbesondere für die Figuren und ihre Verhaltensweisen.

Star Trek: Lower Decks ist noch zu wenig Star Trek, um Fans trekkiger Werte und Abenteuer wirklich einfangen zu können und gefällt sich darüberhinaus zu sehr in exzessivem Namedropping. Das ist in der Summe auch zum dritten Mal irgendwie nett, unterhaltsam und witzig, stellt das Konzept selbst aber auch zunehmend auf eine harte Probe.

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Kommende Woche geht es weiter mit Ausgabe #52 von Planet Trek fm und der Besprechung von Temporal Edict. Gastgeber Björn Sülter empfängt dazu wieder spannende Gäste. Am nächsten Wochenende folgt dann wieder eine neue Rezension zur vierten Episode der Serie.

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