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Star Trek: Lower Decks - Rezension zur Episode 1.04 "Moist Vessel"

Die vierte Episode der Serie macht es Freunden des trekkigen Wertesystems endgültig schwer, den Namen Star Trek mit diesem Format in Verbindung zu bringen.

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von Björn Sülter

Star Trek: Lower Decks befindet sich bereits für den deutschen Markt in Arbeit. Wir halten euch auf dem Laufenden, auf welchem Streamingdienst (oder Sender) der neuste Streich landen wird.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei. Wer also nichts über die einzelnen Episoden wissen möchte, liest sie einfach erst nach Verfügbarkeit in Deutschland.

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Zum Inhalt:

Während die Crew sich um ein Generationenschiff kümmert, erhalten die Lower Deckers ihre neuen Wochenaufgaben. Mariner bekommt dabei durch einen Streit mit ihrer Mutter die schlimmsten Tätigkeiten auf dem ganzen Schiff ab, was zu einer unerwarteten Beförderung führt ...

Was ist star trek?

Es gibt nicht wenige Fans, denen der Trek-Gehalt der letzten Serien bereits nicht mehr ausgereicht hat. Doch machen wir uns nichts vor: Wie man auch immer qualitativ zu Star Trek: Discovery und Star Trek: Picard stehen mag, versuchen die Macher dort sehr wohl, trekkige Werte hochleben zu lassen. Man denke nur an Michael Burnham und ihre "Wir sind die Sternenflotte"-Rede aus der zweiten Staffel, die wissenschatliche Begeisterung von Stamets, Tilly und Co, den stets bedachten Saru oder Picards friedliche Lösung des Konflikts zwischen Sternenflotte, Romulanern, Androiden und feindlichen Invasoren.

Star Trek (und insbesondere Star Trek: The Next Generation) handelten immer von Menschen, die entweder eine Art nächste Evolutionsstufe darstellten (Advanced Human) oder von verschiedenen Abwandlungen dieses Themas: Wie wurden wir überhaupt dazu? (Star Trek: Enterprise). Wie klappt das allein und isoliert? (Star Trek: Voyager) Wie klappt das im Krieg? (Star Trek: Deep Space Nine und in Teilen Star Trek: Discovery). Wie klappt das, wenn einige Individuen oder Gruppierungen diese Werte bedrohen? (Star Trek: Picard).

Und nun?

Was will Lower decks?

Star Trek: Lower Decks ist direkt nach TNG angesiedelt. Der Dominionkrieg ist vorbei und die Sternenflotte forscht offenbar wieder. Die Cerritos ist ein Schiff, das sich auf ganz normalen Missionen befindet und sich abseits eines düsteren übergeordneten Themas bewegt. Es ist, wie Schöpfer McMahan auch oft andeutete, eine Art TNG-Spin-off auf einem anderen Schiff, gewürzt mit Humor und animationstypischen Details in der Umsetzung. So weit, so schlüssig.

Was ist nun dein Problem, dude?

Das Problem liegt in den Figuren und ihrem Verhalten begründet, die gegen alles handeln, was wir aus den anderen Trek-Serien kennen. Das mag lustig überhöht sein, passt aber eben selbst dann nicht zum Kern dessen, wofür dieses Franchise immer stand und gerne weiter stehen sollte. Dystopien und Zynismus gibt es doch andernorts genug. Star Trek kann gerne die positive Vision einer besseren Zukunft bleiben. Diverse Trek-Inkarnationen haben bereits bewiesen, dass der Zeitgeist dennoch Einzug halten kann. Hier jedoch überlagert er erstmals alles was eigentlich die Basis bilden sollte.

Mariner steht mit ihrem Verhalten ohnehin seit vier Episoden weit außen vor. Sie geht gegen alles vor, akzeptiert keine Hierarchie und beleidigt nicht nur ihre Mutter und somit ihren Captain öffentlich und wiederholt sondern auch ihre Kollegen und Gäste des Schiffes. Jemand wie sie gehört gar nicht in die Sternenflotte. Boimler hat erstmals auch keinen guten Tag, da er der Kollegin die Beförderung überhaupt nicht gönnt und seinen niedrigsten Instinkten nachgibt. Tendi missachtet derweil das wichtige Ritual ihres Kollegen, benimmt sich wie ein Kleinkind und wirkt dabei so übertrieben wie Mariner. Und die beiden Captains Freeman und Durango stehen sich in Sachen Neid und irrwitzigen Entscheidungen ebenfalls in nichts nach.

Vergleicht man das Treiben mit der ersten Zeichentrickserie aus den 70er-Jahren muss man gar feststellen: Während dieser erste Versuch zu ernst, zu erwachsen und zu unterkühlt war, schießt dieser zweite bisher zu weit übers Ziel hinaus. Wie ist das noch immer mit dem gesunden Mittelweg?

Was ist also die Message der Serie? Man muss weder viel können noch ein gutes Benehmen besitzen oder auch sonst moralisch besonders stabil sein um zur Sternenflotte zu gehen? Dort und auf den Raumschiffen kann man sich dann einfach dementsprechend verhalten, weil die Führungsoffiziere bis zum Captain im Schnitt auch nicht besser sind?

warum TNG?

Was uns wieder zur Kernfrage bringt. Was hat diese Serie eigentlich mit Star Trek oder konkreter mit Star Trek: The Next Generation zu tun? Drücken wir es bildhaft aus: Die Bühne ist die gleiche, die Kostüme, die Masken, die Kulissen sind uns vertraut. Doch hat man die Rollen an dem vorbeigeschrieben, was Star Trek im Kern ausmacht; die positive Zukunftsvision, den Safe Place, die Utopie und den Glaube daran, dass dieser Haufen Menschen auf dieser wunderschönen Kugel irgendwann lernt, positiv miteinander zu leben. Diese Truppe der USS Cerritos lässt alles vermissen, was die Menschheit zu Zeiten von Picard und Co bereits erreicht und gelernt hatte. Hier regieren Missgunst, Eifersucht, Neid, Narzissmus, Respektlosigkeit und Gleichgültigkeit. Bei Star Trek: Picard war es bereits ähnlich, doch hatten wir es dort letztlich mit Außenseiter zu tun, nicht mit der regulären Mannschaft eines Sternenflottenschiffes. Hier jedoch bewegen wir uns mittendrin in dem was Star Trek ist: Der Traum davon, gemeinsam zu den Sternen zu reisen. Vereint und im Reinen mit uns, respektvoll im Umgang und mit einer optimistisch-neugierigen aber zumindest friedfertigen Grundhaltung. Keine Frage: Es kann (und darf) immer mal Anomalien geben, in jeder Crew, auf jedem Planeten, auf jeder Station. Dieses Schiff jedoch ist in Gänze eine solche Anomalie. Diesen Sachverhalt mit TNG oder den Werten von Star Trek in Verbindung zu bringen ist einfach nicht mehr realistisch.

Mike McMahan liebt TNG; so sagt er zumindest. Man darf sich jedoch nach Ansicht dieser Episode spätestens fragen: Warum eigentlich? Und wofür liebt er es?

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Lustig ist es ja

Nach all dieser Vorrede halten wir aber auch fest: Die vierte Episode unterhält mit Rasanz, einigen guten Sprüche und Momenten sowie einer turbulenten Handlung, die kaum Luft zum Atmen lässt. All das gelingt der Serie bisher Woche für Woche. Der Konflikt zwischen Mutter und Tochter besitzt ebenso Charme wie Tendis Versuche, dem Kollegen zu helfen. Nur Boimlers Bad-Guy-Nummer bleibt blass. Er schüttet seinem Boss Kaffee in den Schoß? Ernsthaft? Da haben wir aber schon mehr gelacht. Gleiches gilt für die gähnende Mariner.

Viele Gags funktionieren aber dennoch schlicht besser, wenn man den Trek-Kontext (und -Kanon) streicht. Witzigerweise ist das aber gar nicht möglich, wenn man zum Beispiel an die Aussprache des Wortes "sens-oars" denkt, die auf Leonard Nimoy zurückgeht. Der Moment an sich ist witzig, Mariners Verhalten als Mitglied der Mannschaft eines Sternenflottenschiffes aber leider eben gar nicht.

Was macht man also mit einer Serie, die nur Dank der Trek-Referenzen überhaupt Spaß macht, die aber eben durch diese auch ihren Kredit verspielt? Einfach als das liebhaben was sie ist? Ein kleiner Spaß für zwischendurch mit Aha-Momenten? Das muss, darf und sollte jeder für sich entscheiden. Dieser Trekkie hier hätte es gerne, dass sich eine Trek-Serie das Star Trek im Titel auch verdient. Star Trek: Lower Decks tut das aber leider nur sehr oberflächlich. Das alles kann sich in den weiteren sechs Episoden oder gar weiteren Staffeln selbstverständlich noch enden. Für den Moment sieht es aber nicht danach aus.

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Easter Eggs

  • Die Poker-Szene ist in doppeltem Sinne eine Hommage: Bei TNG sahen wir unsere Helden oft gemeinsam am Tisch. Doch auch in der Episode Lower Decks (Beförderungen) gab es Szenen rund um die Hauptcrew, doch auch um die Lower-Decks-Crew bei dieser Betätigung.
  • Mariner muss Carbon aus dem Carbonfilter herauslösen. Dazu benutzt sie einen Energiestrahl. Boimler bezeichnet dies als "klingonische Gefängnis-Sache". Das geht zurück auf den sechsten Kinofilm, in dem wir Klingonen bei einer ähnlichen Tätigkeit bewundern konnten. 
  • Boimler erinnert uns an die Figur des Moriarty aus den TNG-Episoden auf dem Holodeck, bei denen Data Sherlock Holmes spielte.
  • In Tendis Handlungsstrang werden Q, der Reisende und die Tamarianer aus der Episode Darmok (TNG) erwähnt.
  • Die Episode zeigt uns den ersten Tellariten der Serie. Captain Durango könnte seinen Namen von Trois Holodeck-Figur aus A Fistful of Datas (Eine Handvoll Datas) erhalten haben.
  • Admiral Vassery spricht das Wort "sens-oars" auf die gleiche ungewöhnliche Art aus wie Spock aus der Originalserie.
  • Captain Freeman sucht immer noch nach einem schmissigen Spruch. Diesmal leiht sie sich Pikes "Hit it!" aus Star Trek: Discovery. Der Computer antwortet trocken: "Hitting it."

Fazit

Mit der vierten Episode deutet Star Trek: Lower Decks mit Nachdruck an, dass die Macher Star Trek weder verstanden haben, noch in der Lage sind, ein adäquates Spin-off urtrekkiger Werte zu liefern. Wer würde schon auf einem Schiff dienen wollen, dessen Crew aus einem Haufen missgünstiger, narzisstischer, egoistischer und feindseliger Arschgeigen besteht?

Die Serie ist im Grunde genommen eine harmlose, teils zahnlose und trotzdem zeitweise amüsante Nummernrevue der Star-Trek-Geschichte. Die vierte Episode macht da keine Ausnahme. Wir erleben hier eine Art Futurama mit offizieller CBS-Lizenz. Unter diesem Aspekt ist das Ganze weiterhin nett, wenn auch keine Offenbarung. Als Star-Trek-Serie ist das Format aber heillos überfordert.

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Diese Woche geht es weiter mit Ausgabe #53 von Planet Trek fm und der Besprechung von Moist Vessel. Gastgeber Björn Sülter empfängt dazu wieder spannende Gäste. Am nächsten Wochenende folgt dann wieder eine neue Rezension zur fünften Episode der Serie.

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