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Star Trek: Lower Decks - Rezension zur Episode 1.08 "Veritas"

Die achte Episode schwingt die Fanservice-Kelle mit so großen Gesten, dass die Autoren darüber fast eine interessante Geschichte und das eigentlich spektakuläre Cameo vergessen haben. Immerhin wissen wir nun aber, woran wir bei der Erzählung sind.

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von Björn Sülter

Star Trek: Lower Decks befindet sich bereits für den deutschen Markt in Arbeit. Wir halten euch auf dem Laufenden, auf welchem Streamingdienst (oder Sender) der neuste Streich landen wird. Allerdings ist nach aktuellen Informationen wider Erwarten nicht mit einer schnellen Lösung zu rechnen. Eventuell sollte man die Serie doch eher nach der Ausstrahlung der dritten Staffel von Star Trek: Discovery erwarten.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei. Wer also nichts über die einzelnen Episoden wissen möchte, liest sie einfach erst nach Verfügbarkeit in Deutschland.

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Zum Inhalt:

Die vier Lower Deckers geraten offenbar mitten hinein in eine Gerichtsverhandlung, bei der sie aussagen und ihre Führungsoffiziere retten müssen. Dabei versteigen sie sich in allerlei wirre Geschichten ...

Alle für keinen

Erstmals in der Serie gibt es nur einen einzelnen Handlungsstrang zu bewundern, der von Anfang bis Ende durchgezogen wird. Auch sind die vier Lower Deckers endlich einmal in einem Abenteuer vereint zu sehen. Das Setting geriet dabei überschaubar. Während die Führungsoffiziere offenkundig in einer Art Lähmungsstrahl schweben, müssen Boimler, Mariner, Tendi und Rutherford Fragen über verschiedene Situationen der jüngeren Vergangenheit beantworten. Dabei geht gehörig die Fantasie mit ihnen durch. Immer wilder werden die Rückblicke, immer unglaubwürdiger die Vorgänge.

Dass es am Ende bei dem ganzen Spektakel nur darum geht, eine erfolgreiche Mission zu feiern, überrascht völlig. Dennoch bleibt die Serie sich damit auch absolut treu: Nichts ist wie es scheint. Wer bereits auf diesen Zug aufgesprungen war, dürfte den finalen Kniff also vielleicht sogar geahnt haben. Wie auch schon beim Captain der Osler zuletzt haben wir es bei Clar mit einem netten Kerl zu tun, der einfach nur seine Befreiung durch die Cerritos feiern wollte. Die Führungscrew wusste das (und steckte nur in einer Art von zeremoniellem Strahl der Dankbarkeit), nur die Lower Deckers waren nicht im Bilde. Wie immer? Dazu kommen wir noch.

Overkill

Als Mittel zum Zweck setzen die Autoren hier eine solche Flut an Referenzen ein, dass einem fast schwindelig wird. Obendrauf spricht noch Kurtwood Smith den Clar und John de Lancie ist nach einer gefühlten Ewigkeit wieder als Q zu hören. So weit, so gut. All das geht jedoch so schnell und dient dabei doch nur einem einzigen Zweck: Veritas ist eine Art Shyamalan-Story für Star Trek, garniert mit der ultimativen Wahrheit über den Umgang mit Wahrheit in der Serie.

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The truth is... not here

Wie verschiedene Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft bereits seit einigen Wochen vermuten, nimmt Star Trek: Lower Decks es nämlich nicht ganz so genau mit der Wahrheit. Veritas ist in diesem Zusammenhang die ultimative Episode. Wie in einer klassischen Trek-Gerichtsshow lernen wir verschiedene Sichtweisen kennen: Die Lower Deckers fühlen sich konstant schlecht informiert und können daher nicht optimal auf Situationen reagieren. Die Führungsoffiziere proklamieren derweil Transparenz, können diese aber nicht konsequent anwenden. Im vorliegenden Fall führt dieser Interessenskonflikt dazu, dass Mariner, Boimler, Tendi und Rutherford die Party des Clar vollkommen falsch interpretieren und sich in wilden Geschichten verlieren; nur um den Tag zu retten.

Damit gelingt auch ein Meta-Statement über alles was wir in der Serie erleben: Nichts, was die Lower Deckers uns erzählen, ist wirklich zu 100% akkurat. Alles entspringt ihrer eingeschränkten Sichtweise, basiert auf fehlenden Informationen vermischt mit zu viel Fantasie und Langeweile: Sie sind einfach keine verlässlichen Erzähler. Somit muss man auch die diversen Übertreibungen der vorausgegangenen Drehbücher und die hanebüchenen Auswüchse der Abenteuer mit viel Humor nehmen.

Kurzum: Star Trek: Lower Decks ist nicht nur eine Serie über Lower Deckers, sondern vor allem von Lower Deckers. In der Rückbetrachtung macht das vieles erträglicher, insbesondere für Fans, die den Anspruch einer Kanonserie (den McMahan immer formuliert) nicht mit dem oft irren Treiben verbinden können.

Dass die Episode in der Summe mehr Analyse des eigenen Stoffes ist, als eine gute Geschichte zu erzählen, bleibt dann auch zweitrangig. Man scheint uns so laut wie möglich zuzurufen: Ab jetzt könnt ihr euch entspannen. Ist alles nicht so ernst gemeint wie ihr dachtet. Vielleicht hilft das ja?

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Easter Eggs

  • Das ganze Setting mit der vermeintlichen Gerichtsverhandlung erinnert natürlich an Star Trek VI: The Undiscovered Country (Star Trek VI: Das unentdeckte Land) und zahllose Gerichtsepisoden wie die sogar zitierte The Drumhead (Das Standgericht) aus TNG.
  • Magistrat Clar (der von Trek-Veteran Kurtwood Smith gesprochen wird) erinnert nicht nur an Chang aus oben bereits genanntem Film, sondern auch an den Fatu-Krey General Roth’h’ar Sarris aus Galaxy Quest.
  • Mariner nennt Khan "space seed", was den Originaltitel seines ersten Auftauchens in der Classic-Serie zitiert. Boimler erwähnt derweil Roga Danar aus der TNG-Episode The Hunted (Die Verfemten).
  • Der ganze Plot über Lower Deckers, die zwar an Missionen teilnehmen, aber nicht wissen was vor sich geht, stammt aus der Episode Lower Decks aus TNG, die auch Vorbild für die Serie war.
  • Q kennen wir natürlich aus unzähligen Episoden von TNG, DS9 und Voyager. John de Lancie spricht seine Paraderolle nach vielen Jahren wieder einmal. Visuell lehnte man seine beiden Auftritte an die Gerichtsszenen an, die in TNG den erzählerischen Rahmen bildeten. Der Satz von ihm “Oh Picard. He’s not fun. He’s always quoting Shakespeare. He’s always making wine.” passt nicht so recht in den Kanon, da Lower Decks 2380 spielt und Picard zu dieser Zeit noch einige Jahre Captain der Enterprise ist (und sein wird). Naja, Q ist halt allmächtig und weiß schon, was bald passieren wird ...
  • Mariner erwähnt Picard und Sisko in einem Satz als sie klarmacht, wie langweilig ein Leben auf der Erde wäre: “There’s nothing to do but drink wine and hang out at vineyards and soul food restaurants.”
  • Als Billups an Sauerstoffmangel leidet, fantasiert er und erwähnt gleich zwei TNG-Episoden: “Uh oh, Mark Twain’s got a gun!” bezieht sich auf Time's Arrow (Gefahr aus dem 19. Jahrhundert), “Tasha no! there’s a garbage bag behind you" auf Skin of Evil (Die schwarze Seele).
  • Auch eine recht trashige Episode wird erwähnt: “Did Dr. Crusher know about that ghost in the lamp thing from that Scottish planet that she hooked up with that one time?” bezieht sich auf Sub Rosa (Ronin) aus TNG.
  • Der Tanz von Rutherford im Museum erinnert natürlich an Uhuras ablenkenden Tanz aus dem fünften Kinofilm.
  • Das vulkanische Museum ist vollgestopft mit Referenzen und Raumschiffen. Darunter befindet sich vermutlich auch die T’Plana-Hath, mit der die Vulkanier erstmals Kontakt mit den Menschen aufnahmen.
  • Die Romulaner auf Romulus erwähnen die Remaner, die wir in Star Trek: Nemesis kennenlernten. Lower Decks spielt ein Jahr nach der Filmhandlung um Shinzon.
  • Als Dr. T´Ana in einer von Rutherfords Erzählungen verwirrt die Brücke betritt, vermischen sich Vorgänge aus Remember Me (Das Experiment) und Parallels (Parallelen) aus TNG. So erleben wir mit der USS Alhambra ein Schiff auf dem alles anders ist und niemand sich an T`Ana erinnert.
  • Die Liste der Referenzen ist schier endlos: Vom Salzwesen über die Borg, die Gorn, Denobulaner bis hin zu Warbirds gibt es an allen Ecken etwas zu sehen.

Fazit

Mit der achten Episode erklärt uns Star Trek: Lower Decks per Brechstange die eigene Serienwelt und verdeutlicht somit, dass nichts, was in den Episoden passiert, zu ernst genommen werden sollte. Die Schilderungen der Lower Deckers sind dabei auch durchaus amüsant, die finale Enthüllung über das Setting des Abenteuers aber der eigentliche Höhepunkt.

Dabei wirkt die Episode jedoch auch wie der ultimative Versuch von Fanservice. Mehr Referenzen und Namedropping hatten die Autoren bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den rund 23 Minuten untergebracht. Ernüchternd ist in diesem Zusammenhang, dass das Cameo von John de Lancie fast verschenkt wirkt. In der Summe macht Veritas zwar Spaß, bietet aber doch wenig Fleisch abseits des Overkills aus Hommagen und Liebeserklärungen an vergangene Zeiten.

*

In gut einer Woche folgt eine neue Rezension zur neunten Episode der Serie.

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