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Star Trek: Lower Decks - Rezension zur Episode 1.09 "Crisis Point"

Die neunte Episode reist mit uns durch die turbulente Geschichte der Star-Trek-Kinofilme, bietet dabei Fanservice vom Allerfeinsten und die beste Charakterisierung der bisherigen Serie.

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von Björn Sülter

Star Trek: Lower Decks befindet sich bereits für den deutschen Markt in Arbeit. Wir halten euch auf dem Laufenden, auf welchem Streamingdienst (oder Sender) der neuste Streich landen wird. Allerdings ist nach aktuellen Informationen wider Erwarten nicht mit einer schnellen Lösung zu rechnen. Eventuell sollte man die Serie doch eher nach der Ausstrahlung der dritten Staffel von Star Trek: Discovery erwarten.

Achtung: Die Rezensionen sind nicht spoilerfrei. Wer also nichts über die einzelnen Episoden wissen möchte, liest sie einfach erst nach Verfügbarkeit in Deutschland.

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Zum Inhalt:

Als Mariner aufgrund einer Fehleinschätzung das Gleichgewicht auf einem Planeten gefährdet, wird sie von ihrer Mutter, Captain Freeman, zur Therapie geschickt. Um sich selbst zu helfen programmiert sie jedoch ein Holoprogramm von Boimler zu einem großen Kinofilm über die Cerritos-Crew um und lebt dort ihre Fantasien aus ...

THERAPIE!

Der Aufhänger der Episode, Mariners Eingriff in die Kultur eines fremden Planeten, gelingt hier ausnahmsweise richtig gut. Zwar versucht sie nur das Richtige zu tun, vergisst dabei aber leider die Oberste Direktive, was direkt zu einem Streit mit ihrer Mutter führt. Dabei wäre die Lösung so einfach gewesen: Replikatoren. Den Autoren gelingt hier ein humorvoller Kommentar auf Erstkontakt- und wie in diesem Fall Zweitkontakt-Probleme oder generell Probleme mit der Obersten Direktive, die häufig überkonstruiert wirkten. Auch schaffen sie er erneut, den Kontrast zwischen denen, die noch viel lernen müssen und denen, die bereits Verantwortung tragen, herauszuarbeiten und Freeman als kompetent, Mariner aber immerhin als mit einem moralischen Kompass gesegnet darzustellen.

Movie, Movie!

Die restliche Episode besteht dann "nur" noch aus einem Holoprogramm, das Boimler eigentlich nur nutzen will, um sich auf ein Interview bei Captain Freeman vorzubereiten. Dieses wird jedoch durch Mariner überschrieben und zu einer Reise durch die Kinofilme des Star-Trek-Franchise. Wer genau hinschaut, kann zu jedem Abenteuer, sei es eines mit den legendären Kirk und Picard oder der neuen Crew aus den Rebootfilmen, Anspielungen finden, sehen oder hören. Star Trek: Lower Decks versteht sich hier definitiv als Hommage an alles, was Star Trek ausmacht und lebt einen Fantraum. 

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Mutter und Tochter

Auch wenn es auf dem Holodeck vordergründig um eine Mission geht, bei der die Crew der Cerritos die verrückte Vindicta (Mariner in einer Paraderolle) zur Strecke bringen muss, handelt alles was wir hier sehen doch eigentlich nur vom belasteten Mutter-Tochter-Verhältnis zwischen Captain Freeman und Mariner. Letztere lebt all ihre Fantasien von Zerstörung, Mord und Totschlag aus und ballert und boxt sich den Frust aus der Seele und die Seele aus dem Leib.

Der finale Kampf zwischen (Holo-)Mariner und Vindicta zeigt dann auch das ganze Dilemma auf: Unsere Protagonistin weiß ganz tief in ihrem Inneren genau, was mit ihr nicht stimmt. Sie weiß, dass sie den Mut aufbringen müsste, ein guter Offizier zu sein, anstatt immer den simplen Badass-Weg zu wählen. Witzig ist natürlich, dass ihr diese Erkenntnis durch ihre holographische Doppelgängerin zugetragen wird, die auf ihren persönlichen Logbüchern basiert. Man lernt eben am besten über sich selbst, wenn man in den Spiegel schaut. Leider war Mariner aber bisher noch nicht stark genug und unterlag regelmäßig ihrer dunklen Seite im direkten Zweikampf; so auch hier. Die Einblicke sollten ihr jedoch für die Zukunft helfen können: "therapy works" sagt sie zum Ende des Programms, als sie realisiert, dass ihr die Arbeit auf der Cerritos wirklich Spaß macht. Wir werden erleben, wohin man uns in dieser Angelegenheit noch führen möchte. Nach diversen Episoden, die immer nur die gleichen Denkansätze zu Mariner wiederholten und somit redundant wirkten, ist Crisis Point ein Wendepunkt und macht in ihrer Charakterisierung alles richtig.

DIES und DAS

Interessant wird auch sein, wie Boimler zukünftig damit umgeht, nun die Wahrheit über Freeman und Mariner zu kennen. Den Auslöser des ganzen Holodramas, also seinen Versuch, mehr über Freeman zu erfahren, um in einem Interview bei ihr gut auszusehen, hat er nach der Enthüllung in jedem Fall direkt versiebt. Erst bezeichnete er Mariner vollkommen zusammenhanglos als "hot", dann als "nasty". Bei seinem Captain blieb indes nur hängen, dass er offenbar überhaupt nicht auf das Meeting vorbereitet war. Armer Brad!

Ganz nebenbei webte man auch noch eine amüsante Nebenhandlung ein, in der Rutherford seine "Liebe" zu seinem Chef Billups zum Ausdruck bringen konnte. Wie diese Geschichte weitergeht, was die beiden am Ende alles verbinden wird und ob sie jemals in der Realität derart emotional aufeinander treffen können, werden wir vermutlich noch erfahren. Die wissenschaftlihe Begeisterung der beiden allein macht jedoch schon so viel Spaß, dass sich der kleine Trip dafür bereits gelohnt hat.

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(EINIGE) Easter Eggs

  • Es gab diesmal gleich zwei Voyager-Hommagen: Erstens sahen wir den holographischen da Vinci wieder, zweitens erfuhren wir, dass Mariner sich an Halloween gerne als Toby, das Targ verkleidet.
  • Mariner schreibt ihren Film in zwei Sekunden; manchmal beschleicht einen dieses Gefühl auch bei realen Drehbuchautoren.
  • Als sie "therapy!" schreit, ist das eine von vielen Hommagen an ST2 und erinnert uns an Kirks Schrei "Khaaaan!".
  • Mariners Holodeck-Fantasie wird in Widescreen präsentiert, was die Liebe zur Kinoreihe untermauert. Der Score verändert sich ebenfalls und lehnt sich an die Kinofilme an.
  • Insgesamt sind die Actionsequenzen größer und verrückter, was auf das höhere Budget von Kinofilmen anspielt.
  • Ein gelunger Gag sind auch die bei Fans unbeliebten Lensflares der Abrams-Ära, die hier ebenfalls zum Einsatz kommen und die Filmartefakte im Bild.
  • Als Boimler seine Teilnahme ablehnt, erwähnt Mariner, dass er ohnehin nicht in den finalen Cut gekommen wäre, da er eine Xon-Rolle bekommen hätte. Xon wäre eine Figur in der Serie Phase II gewesen, die aber durch Nimoy Rückkehr zu den Kinofilmen wieder gestrichen wurde.
  • Die Landurlaub-Szene zu Beginn erinnert an den Ausflug von Kirk, McCoy und Spock zu Beginn von ST5.
  • Die Szene, in der die Crew zur Refit-Cerritos zurückkehrt, dauert fast 60 Sekunden und kommt ohne Dialog aus: Sie ist, wie auch der Refit des Schiffes selbst, eine Hommage an die Szene aus ST1.
  • Die Holodeck-Freeman hat offenbar im Gegensatz zum Original einen coolen Spruch für sich gefunden: "Warp me!"
  • Vindicta steht als Antagonistin in der Tradition von Khan aus ST2, dem es ebenfalls um persönliche Rache ging. Ihr Thron erinnert ebenfalls an den von Kruge aus ST2.
  • Vindicta zitiert Shakespeare, wie einst General Chang in ST6.
  • Ransoms Tod steht sinnbildlich für viele Figurentode in Kinofilmen, die weder nötig waren, noch einen emotionalen Eindruck hinterließen.
  • Die Waffe von Shaxs ist ein typisches Filmprop: viel zu groß um glaubhaft zu sein. Herrlich!
  • Der Borg-Kopf wird als persönlicher Schutzschild und Bombe verwendet (und taucht einfach aus dem Nichts auf). Das stellt natürlich eine Hommage an ST8 dar.
  • Wie in ST3 wird das klingonische Schiff hier per Selbstzerstörung vernichtet, die Cerritos stürzt danach wie in ST7 ab. Allerdings rollt sie in diesem Fall über die Oberfläche.
  • Wie Billups und Rutherford am Ende an einem Problem arbeiten, erinnert sehr an Geordi und Leah Brahms aus TNG.
  • Rutherfords erwähnte Beam-Lösung am Ende erinnert stark an die irren Einfälle aus den ersten beiden Abrams-Filmen ST11 und ST12.
  • Mariner spielt den Data-Moment aus ST10 nach, als eine Holoversion von ihr den Captain rettet und mit Vindicta gemeinsam explodiert.
  • Der finale Kampf auf einer Brücke erinnert an den zwischen Soran und Kirk aus ST7 oder auch zwischen Riker und dem Viceroy aus ST10 sowie Picard und Ru'afo aus ST9.
  • Die Therapieszenen erinnern natürlich an Counselor Troi; nebenbei erfahren wir durch sie auch, von wem Mariner ihr Temperament geerbt hat.
  • Vindicta überlebt am Ende der Handlung in einer Szene, die an Spocks Story-Arc aus ST3 erinnert. Holo-da-Vinci verhindert ihren Rachefeldzug jedoch und durchbricht mit seinem Zwinkern sogar die vierte Wand.
  • Am Ende schreiben die Ensigns ihre Namen ins All, ganz wie es die Darsteller der Originalcrew am Ende von ST6 taten.

Fazit

Die vorletzte Episode der ersten Staffel bietet so richtig was fürs Herz von Trekkies, die die langlebige Star-Trek-Kinoreihe kennen und lieben. In den zahlreichen Anspielungen inhaltlicher, visueller und auditiver Natur lässt es sich ganz wunderbar baden und treiben lassen. Ein wahres Fest!

Dass die Autoren das Ganze aber auch noch mit einer gelungenen Betrachtung des komplizierten Mutter-Tochter-Verhältnisses zwischen Freeman und Mariner garnierten, macht die Episode problemlos zur bisher besten der Serie und obendrein sogar zu einem Event, an das man sich noch lange gerne erinnern wird. Wahrlich ganz großes Kino!

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In gut einer Woche folgt eine neue Rezension zur zehnten und vorerst letzten Episode der Serie.

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