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Star Trek: Picard – Ein Held, viele Gesichter: Teil 4

Zum nahenden Start von Star Trek: Picard am 24. Januar befasst sich Star-Trek-Experte Björn Sülter heute mit den wichtigsten Picard-Momenten bezüglich seiner Vorbildfunktion.

Who Watches The Watchers Hd 388

Jean-Luc Picard ist untrennbar mit seinem Darsteller Sir Patrick Stewart verbunden, der die Rolle in sieben Staffeln von Star Trek: The Next Generation, vier Kinofilmen, im Pilotfilm von Star Trek: Deep Space Nine und zuletzt im Short Trek mit dem Titel Children of Mars darstellte.

Stewart gelang es gemeinsam mit den Autoren, eine Figur für die Ewigkeit zu entwickeln und letztlich dafür zu sorgen, dass man Picard heute problemlos mit der anderen großen Ikone der Trek-Captains nennen kann: James T. Kirk alias William Shatner.

Doch was hat den französischen Teetrinker ausgemacht? Welche Eigenschaften sind unverkennbar Picard? In dieser mehrteiligen Reihe steuern wir bis zum Start der ersten Staffel von Star Trek: Picard gemeinsam auf diesen Kern zu und ergründen, was die Figur in der zwanzig Jahre nach Star Trek: Nemesis angesetzten Fortsetzung gerne noch definieren sollte oder sogar müsste. Heute geht es um seine Vorbildfunktion. Was können wir von ihm lernen?

Bescheidenheit

Los geht es mit einer Episode aus der dritten Staffel der Serie mit dem gelungenen Titel Who Watches the Watchers (Der Gott der Mintakaner). In dieser ging es um einen heimlichem Außenposten der Föderation, von dem aus eine Prä-Warp-Gesellschaft beobachtet und der durch einen technischen Defekt enttarnt wurde. Picards Erscheinen auf dem Planeten hatte man daraufhin als Gotteserscheinung fehlgedeutet, was zu einem regelrechen Kult um "den Picard" führte.

Picard wäre jedoch nicht Picard, wäre ihm dieses Gehabe nicht unangenehm gewesen. Er verdeutlichte den Bewohnern, dass es sich bei ihm um einen Sterblichen aus Fleisch und Blut handelte und zeigte einer Einheimischen auf seine Weise die Wunder des Fortschritts. Picards Bescheidenheit und Empathie führten ihn zu einer kreativen Lösung, die den Eingriff in die Kultur des Volkes deutlich abschwächte.

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Vertrauen

Ebenfalls in der dritten Staffel der Serie kam es zu einer Episode, die vielen Fans auch heute noch als zeitloser Klassiker gilt. In Yesterday's Enterprise (Die alte Enterprise) geriet die Enterprise-D aufgrund einer Anomalie, die die Vergangenheit veränderte, und ohne es zu merken in eine alternative Zeitlinie, die durch Krieg und Zerstörung nur noch wenig mit der friedlichen Mission des Schiffes zu tun hatte. In dieser Zukunft war zwar Tasha Yar noch am Leben, ansonsten hatte sich aber vieles zum Schlechten gewendet.

Außer Guinan bemerkte niemand an Bord die Veränderungen. Die Bardame aus Ten Forward jedoch traute sich, ihre versponnen wirkenden Gefühle Picard anzuvertrauen. Wie musste es wohl wirken, wenn du Captain des Flaggschiffes der Sternenflotte bist und dein Barkeeper kommt herein und sagt dir, dass alles was dich umgibt "irgendwie nicht richtig ist" und, dass du die Zeitlinie ändern sollst? Doch konnte sich Picard einerseits immer auf seinen Instinkt verlassen, andererseits war sein Vertrauen in Gefährten schier unendlich, wenn er sich einmal dazu entschieden hatte. Er vertraute den ominösen Äußerungen Guinans und macht daraus eine Mission zur Korrektur der Zeitlinie. Denn: Guinans Gefühl war immer gut genug für ihn. Einfach schön!

Übrigens: Whoopi Goldberg wurde just von Sir Patrick Stewart in einer US-Show eingeladen, in der zweiten Staffel von Star Trek: Picard zur Serie zu stoßen. Was für eine schöne Entwicklung!

Yesterdays Enterprise Hd 120

Empathie

Zu einer spannenden Entwicklung kam es auch in der fünften Staffel während der Episode Ensign Ro (Fähnrich Ro). Michelle Forbes hatte in dieser Episode ihren ersten Auftritt als von der Sternenflotte geächtete Bajoranerin. Diese war erst jüngst für ein Fehlverhalten im Gefängnis gelandet und gab sich auch auf der Enterprise nur wenig Mühe, ihre Situation zu verbessern. Laut ihrer lapidaren Aussage war die Stationierung auf dem Flaggschiff immer noch besser als Knast.

Ihr Verhalten rief Riker und andere Besatzungsmitglieder auf den Plan, die (zugegeben ein wenig zu sturköpfig) gegen das neue (temporäre) Besatzungsmitglied Stimmung machten. Auch gab Ros Verhalten während der Mission nur wenig Anlass, ihre Position zu stärken.

Mit Guinans Hilfe erkannte Picard jedoch, dass es sich bei der jungen Offizierin um eine intelligente, kompetente Frau handelte, die wenig Entgegenkommen und Zuspruch in ihrer bisherigen Karriere erfahren hatte und daher niemandem vertraute. Er führte die Mission mit ihr gemeinsam erfolgreich durch und bat sie schließlich, Teil der Crew zu werden. Entgegen dem Dresscode der Sternenflotte erlaubte er ihr sogar, den bajoranischen Ohrring zu tragen und bewies damit erneut seine Fähigkeit zur Empathie und Anpassungsfähigkeit.

Ensign Ro Hd 345

Fairness & Kreativität

Die Rückkehr von Professor Moriarty in der Episode Ship in a Bottle (Das Schiff in der Flasche) aus der sechsten Staffel der Serie brachte eine weitere Facette Picards hervor. Auch wenn die Situation eigentlich absurd war, bemühte er sich immer um eine faire, reflektierte ­­(und in diesem Fall sogar höchst kreative) Lösung.

Hier ging es letztlich um ein Computerprogramm, eine Simulation aus einem Holoroman, das plötzlich eine Art von Bewusstsein entwickelt hatte, die Picard und seine Crew nicht vollständig verstehen oder ergründen konnten. Es wäre vermutlich (rein technisch betrachtet) ein Leichtes gewesen, kurzen Prozess zu machen, das Programm zu löschen und sich den wirklich wichtigen Dingen in der realen Welt zu stellen. Doch blieb der Captain in der Krise wie immer ruhig, hörte zu, evaluierte die Situation und suchte gemeinsam mit seinen Leuten nach einer Lösung, die allen Seiten irgendwie gerecht wurde.

Am Ende ließ man Moriarty und seine Gefährtin (ohne deren Wissen) in einer Simulation (in einer Art Holowürfel) weiterleben. Es war der bestmögliche Kompromiss und beinhaltete die Botschaft, nie leichtfertig mit den Bedürnissen anderer umzugehen; selbst dann nicht, wenn es sich dabei um Hologramme handelte. Wie Picard zudem am Ende anmerkte, könne niemand sagen, wie es um die eigene Realität stünde. Vielleich wäee unser Leben ja auch nur die Simulation von einer dritten Person und liefe in einem kleinen Würfel auf irgendeinem Schreibtisch ab.

Ship In A Bottle Hd 249

Selbstreflexion

Ebenfalls in der sechsten Staffel der Serie kam es zu einem weiteren besonderen Zusammentreffen mit Q. In Tapestry (Willkommen im Leben nach dem Tode) lernte Picard eine Lektion über sein Leben und zeigte dabei einmal mehr, wie selbstreflektiert und lernfähig er auch mit Dingen umging, die sich seit vielen Jahren (oder sogar Jahrzehnten) in ihm manifestiert hatten.

Als junger Mann war Picard einmal aufgrund einer (seiner aktuellen Einschätzung nach) unangemessenen Reaktion auf eine Bedrohung schwer verletzt worden. Er erhielt ein künstliches Herz. Der Captain haderte auch später oft mit seiner Impulsivität. Der Vorfall gehörte für ihn zu den Dingen, auf die er nicht stolz war und die er restrospektiv ändern würde.

Als er nun in der Gegenwart bei einer Außenmission aufgrund seines künstlichen Herzen starb, eröffnete Q ihm die Gelegenheit auf eine zweite Chance. Picard nutzte diese und entschied sich anders. In der Konsequenz war er dann in der Gegenwart zwar am Leben, jedoch nicht mehr der gleiche Mann. Er hatte eine unspektakuläre Karriere geführt und wurde kaum wahr- und ernstgenommen. Picard realisierte, was passiert war: Er hatte als junger Mann nicht auf seinen Instinkt gehört, niemals Verantwortung übernommen, nicht seine Freunde verteidigt, nicht die Zerbrechlichkeit des Lebens gespürt und somit nie verstanden, wie wertvoll jeder Moment war. Picard wurde nicht der Mann, der er hätte werden können und sollen. Der Captain begriff die komplexe Situation und seinen eigenen Anteil daran, ließ sich bei einer weiteren Chance in der Vergangenheit wieder von seinem Instinkt leiten, wurde verletzt, erhielt sein künstliches Herz und erwachte schließlich wieder in der Gegenwart; verletzt aber glücklich. Q hatte ihm nur eine Lektion erteilen wollen und Picard hatte Sichtweisen, die ihn lange Zeit definiert hatten, reflektieren und schließlich über Bord werfen können.

Wir haben uns in den vergangenen Wochen gemeinsam einige Facetten und Fähigkeiten des Jean-Luc Picard in seiner Funktion als Captain der Enterprise angeschaut. Vieles davon sollte die Figur gerne auch in ihr zweites Serienleben retten. Denn wie bereits mehrfach erwähnt wurde: Die Welt braucht einen Mann wie Picard. Be the man we remember!

Am morgigen Freitag geht es dann los auf Amazon Prime. Dann läuft die erste Episode Remembrance. Die ausführliche Rezension gibt es im Verlauf des Tages.

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

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Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Verleger, Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Dazu läuft mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe. Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.

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