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Total Recall: Arnold Schwarzenegger manisch und mehrdeutig

Der Sci-Fi-Klassiker Total Recall ist bereits über 30 Jahre alt. Anlässlich der Ausstrahlung heute um 20.15 Uhr erklären wir, warum er noch so aufregend ist wie eh und je.

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Wenn Philip K. Dicks Kurzgeschichte Erinnerungen en gros in die Hände von RoboCop-Regisseur Paul Verhoeven fällt, und er Mister Terminator in der Hauptrolle besetzt, dann entsteht ein moderner Science-Fiction-Klassiker: Total Recall – Die totale Erinnerung mit Arnold Schwarzenegger. In Deutschland machte der actionreiche Trip ins Jahr 2084 eine turbulente Reise mit: 1990 aufgrund seiner Gewaltdarstellung ab 18 Jahren freigegeben, wurde das effektreiche Spektakel im Folgejahr indiziert. Infolgedessen erarbeitete sich Total Recall bei Kindern der 80er- und 90er-Jahre den Ruf als exzessive Gewaltorgie.

2011 folgte dann aber eine Neuprüfung, bei der die FSK eine Altersempfehlung ab 16 Jahren aussprach. Total Recall ist somit ein Messgrad für sich ändernde Sehgewohnheiten – und für sich wandelnde Sichtweisen. Denn nun, der Total Recall-Diskurs nicht mehr auf seinen Status als verbotene Frucht für Minderjährige blickt, ist mehr Raum für die inhaltliche Diskussion. Zur Einstimmung auf die bald folgende Ausstrahlung des Kassenschlagers von 1990 blicken wir auf die Vielfältigkeit dieses Sci-Fi-Actionthrillers, und erklären, was ihn so unvergleichlich macht!

Darum geht’s! Oder doch nicht?

Bauarbeiter Douglas Quaid (Arnold Schwarzenegger) führt ein angenehmes, wohlbehütetes Leben – in seinen Augen sogar ein zu angenehmes, wohlbehütetes Leben. Nur zu gerne würde er zum kolonisierten Mars reisen, oder gar auf ihn ziehen, um dort eine neue, wildere Existenz aufzubauen. Seine Frau Lori ist allerdings strikt dagegen. Zu ihren vielen Gegenargumenten zählt, dass auf dem roten Planeten gerade eine Rebellion stattfindet.

Quaid lässt sich seine Mars-Wünsche davon aber nicht gänzlich madig machen: Kurzerhand geht er zur Firma Rekall, deren Spezialität es ist, ihrer Kundschaft falsche Erinnerungen einzupflanzen. Quaids Plan ist es, sich Erinnerungen an einen abenteuerlichen Marsurlaub verpassen zu lassen. Doch dieses Vorhaben geht gewaltig schief: Quaid läuft plötzlich Amok. Er glaubt, ein Geheimagent zu sein. Und dann trachten ihm auch noch üble Killer nach dem Leben! Was ist nur los?

Ja, genau: Was ist nur los? Diese Frage stellen sich Total Recall-Fans seit über 30 Jahren: Ist Total Recall die Geschichte eines Mannes, dessen gesamtes Leben Millisekunden vor Beginn seines Fake-Marstrips auf den Kopf gestellt wird? Oder ist der immer weiter eskalierende Film schlicht Quaids von Rekall implementiertes, fiktives Mars-Abenteuer? Und falls die Mars-Eskapaden innerhalb der Filmwelt von Total Recall fiktiv sind: Lief alles nach Plan, und Quaid wacht sozusagen während des Abspanns auf? Oder deutet die schmerzliche Intensität des Ganzen darauf hin, dass Rekall Mist gebaut und Quaids Verstand zerstört hat?

Tintenkleckstest nach Art des Verhoevens

Entgegen jener zeitgenössischen Kritiken, die Total Recall 1990 noch als tumben Gewaltfilm abtaten, der einen Affront an den renommierten Sci-Fi-Autor Philip K. Dick darstellt, steckt durchaus Hintersinn in diesem Film: Als wäre es ein Tintenkleckstest, verrät die individuelle Reaktion auf Total Recall viel über die ihn betrachtende Person. Will man einfach geradlinige, herbe Sci-Fi-Actionunterhaltung und lässt die turbulenten Entwicklungen daher unhinterfragt über sich und Quaid ergehen?

Oder sieht man in Total Recall (wie in Paul Verhoevens sonstigem US-Schaffen) einen zugespitzten Kommentar auf die US-Gesellschaft und deren Kulturgüter? Dann liegt es nahe, im unechten Abenteuer des gelangweilten Quaid eine Parallele zum herben US-Actionkino zu sehen, mit dem sich das angeödete Volk der Reagan- und frühen Bush-Ära brutal bespaßen lässt. In dem Fall ist Total Recall mit seinen überspitzten Gewaltspitzen und seiner abstrusen Story ein neckischer Seitenhieb auf den Gewaltvoyeurismus damaliger US-Unterhaltung und die Unerschrockenheit, mit der immer aufbrausendere TV-Nachrichten begrüßt wurden.

Oder reicht die spritzige Satire-Lesart nicht, und man braucht noch dringend das tragisch-dystopische Element? In dem Fall glaubt man nicht, dass Quaid noch aus seiner Fake-Erinnerung aufwacht. Somit würde aus dem neckischen Kommentar über gewalthaltigen Eskapismus eine pessimistischere Interpretation, die fatale Folgen einer sensationalistischen Weltflucht erwartet …

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launiges Skript, das auf mehreren Ebenen aufgeht

Dass sich nun drei Jahrzehnte lang die Diskussionen halten, wie Total Recall zu deuten ist, ist das Ergebnis eines Drehbuchs, dem mehr Würdigung zusteht. Wenn über den Film gesprochen wird, dann über Schwarzenegger, Verhoevens Regie, die wuchtigen Splattereffekte und grotesken Kreaturen, vielleicht auch noch über Jerry Goldsmiths hämmernden Score. Doch viel zu selten wird berücksichtigt, dass die Drehbuchautoren Ronald Shusett & Dan O’Bannon (Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt) und Gary Goldman (Big Trouble in Little China) einen sehr diffizilen Tonfall-Drahtseilakt meistern.

Denn die Ambiguität in dem Film ist kein Zufall. Das Autorentrio findet gezielt die Balance zwischen sündhaft-unterhaltsamer Krachbumm-Megalomanie, bissiger Sci-Fi-Farce und actionreicher Dystopie – und bietet so Schwarzenegger ein starkes Sprungbrett. Seine Darbietungen in den ersten beiden Terminator-Filmen und in Predator mögen ikonischer sein, doch seinem Schauspiel in Total Recall gehört ebenfalls Verehrung: Das Muskelpaket ächzt, stöhnt, grunzt, zieht wilde Grimassen und lässt andauernd Sprüche vom Stapel, während es Leute verkloppt, abknallt und in die Luft sprengt – und das auf eine so manische Weise, dass es gleichzeitig auf mehreren Deutungsebenen des Films stimmig ist:

Quaid lässt sich als jemand verstehen, der völlig durchgeknallt ist, der wachgerüttelt wurde und daher aufgekratzt-panisch auf seine Erkenntnisse reagiert, sowie als jemand, der vom Langweiler sukzessive zum Helden seines ganz eigenen, herrlich-dämlich übertreibenden Sci-Fi-Spektakels mutiert. So kann man mit, über ihn lachend und trotz ihm Spaß haben, ganz wie es beliebt!

Arnie sei's gedankt!

Schwarzeneggers mimischer Einsatz in Total Recall kommt übrigens nicht von ungefähr: Der Österreicher war eine treibende Kraft dahinter, dass der Film überhaupt zustande kam. Eine frühe Skriptfassung kursierte nämlich lange sowie vergeblich durch Hollywood – zunächst mit geringerem Actiongehalt und mit Patrick Swayze und Richard Dreyfuss an der Spitze der Besetzungswunschliste. Als Produzent Dino De Laurentiis (Conan der Barbar) aus finanziellen Gründen das Projekt aus seinen Händen geben musste, war es Schwarzenegger, der das Filmstudio Carolco überzeugte, Total Recall zu übernehmen und ihm die Hauptrolle zu geben.

Doch da endet Schwarzeneggers Einsatz noch lange nicht. Denn wie Arnie in seiner Autobiografie behauptet, rettete er das Marketing des Films: Der erste Trailer zu Total Recall ließ das US-Publikum völlig kalt. Statt die Zähne zusammenzubeißen und zu hoffen, dass der Film dennoch Anklang finden wird, stürmte Schwarzenegger der von ihm erzählten Legende nach zur Studioleitung und drängte sie dazu, sich den Film und zum Vergleich die bisherige Werbung für ihn anzuschauen. Bei dieser Gegenüberstellung wurde den Verantwortlichen klar, dass sie den Film falsch vermarkteten, woraufhin sie die Kampagne neu gestalteten – mit Erfolg.

Der (je nach Quellenangabe) 50 bis 60 Millionen Dollar teure Sci-Fi-Actioner – der kurzzeitig den Rekord für den teuersten Film der Geschichte hielt – nahm weltweit mehr als das Vierfache wieder ein. Anschließend ergatterte er obendrein Kultstatus als Paradebeispiel einer vergangenen Art des Sci-Fi-Actionkinos, Schwarzeneggers glühendster Karrierephase und der Zeit, als ein Niederländer Hollywood den Zerrspiegel vorgehalten hat und es viele erst stark zeitverzögert bemerkt haben. Nicht auszudenken, was ohne Schwarzeneggers Intervention geschehen wäre …

Na, Lust bekommen, mit Schwarzenegger auf den Mars zu reisen? Perfekt!

SYFY zeigt Total Recall das nächste Mal heute ab 20.15 Uhr.

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