News | 2 Monate

Vagrant Queen: Interview mit Showrunnerin Jem Garrard

N U P 190553 0715

Frau Garrard, Ihre Serie Vagrant QUeen basiert auf der gleichnamigen Comic-Reihe von Magdalene Visaggio. Wie sind Sie darauf gestoßen?


Ich bin ein echter Comic-Nerd und war schon ein Fan von Mag Visaggio bevor „Vagrant Queen“ 2018 überhaupt erschien. Ihre Comics „Kim & Kim“, „Quantum Teens“ oder „Eternity Girl“ hatte ich alle schon begeistert verschlungen. Die ersten Ausgaben von „Vagrant Queen“ waren gerade auf dem Markt, als ich konkret auf der Suche nach einem Stoff war, der sich als Serie adaptieren ließ. Ich wollte nach meinem Fernsehfilm „Killer High“ unbedingt wieder mit SYFY zusammenarbeiten. Und Visaggios neue Geschichte, ihre Themen und nicht zuletzt die Titelheldin erschienen mir für ein solches Projekt einfach wie gemacht.


Wie würden Sie denn die Themen der Serie beschreiben?


Unsere Heldin Elida ist in sehr persönlicher Mission unterwegs, denn sie will ihre totgeglaubte Mutter finden und retten. Und sie ist königlicher Abstammung, deswegen stehen auf jeden Fall ihr Pflichtgefühl, aber eben auch ihr Wunsch nach Autonomie und Freiheit als wichtige Themen im Raum. In diesem Kontext ist natürlich auch die Frage nach Identität relevant – und das Konzept der Wahlfamilie. Elida ist, begleitet von Isaac und Amae, auf ihrer Suche schließlich auch damit beschäftigt herauszufinden, wer sie ist und wer sie sein möchte, jenseits der Königin, die andere in ihr sehen. Um es also auf einen Begriff zu reduzieren: für mich ist „Vagrant Queen“ ein Roadtrip im Weltall.


Wonach haben Sie bei der Besetzung der Hauptrolle speziell gesucht? Und wie haben Sie sich für Adriyan Rae entschieden?


Der Casting-Prozess war wirklich langwierig, wir haben in den USA und Kanada ebenso gesucht wie in Großbritannien, Australien oder sogar Südafrika, wo unsere Dreharbeiten stattfanden. Mir war es vor allem wichtig, dass ich eine Schauspielerin finde, die den Spagat zwischen Drama und Komödie hinbekommt. Denn Elida sollte keinesfalls wie eine Heldin rüberkommen, die ausschließlich wütend ist. Natürlich ist sie meinungsstark und auch mal stinksauer, aber ihre Grundhaltung ist keine zornige. Als das Bewerbungsvideo von Adriyan auf meinem Tisch landete, war ich sofort begeistert, denn all die verschiedenen Facetten, nach denen ich suchte, zeigte sie da schon in ihrem Spiel. Sie ist eine fantastische dramatische Schauspielerin, aber hat auch erstklassiges komödiantisches Timing.


Gerade im Science-Fiction-Genre sind schwarze Protagonistinnen noch immer eher eine Seltenheit ...


Das stimmt, und sowohl Adriyan als auch mir war stets bewusst, dass „Vagrant Queen“ durch Elida als Protagonistin nochmal eine ganz besondere Bedeutung hat. Denn es ist wirklich traurig und eigentlich schockierend, wie wenig andere Genre-Serien es gibt, in denen eine schwarze Frau im Zentrum steht. Für mich persönlich sind Diversität und Repräsentation seit Beginn meiner Karriere eine echte Herzensangelegenheit, deswegen habe ich bei „Vagrant Queen“ wie bei all meinen anderen Projekten auch darauf geachtet, möglichst viele nicht-weiße oder auch queere Figuren in die Geschichte zu integrieren.


Mit Elidas Wegbegleiterin Amae haben Sie eine lesbische Figur kreiert, die es in der Comicvorlage nicht gibt. Warum?


Ich bin den Comics so treu wie möglich geblieben, doch sie konzentrieren sich sehr auf die Beziehung zwischen Elida und Isaac. Für die Serie erschien es mir dramaturgisch ergiebiger, noch eine dritte Person dazu zu holen, quasi als Vermittlerin zwischen den beiden. Elidas und Isaacs Art zu kommunizieren ist so miserabel, dass es gar nicht schlecht ist, noch jemanden dabei zu haben, der mit beiden vernünftig reden kann. Amae hat von allen dreien die größte emotionale Intelligenz, deswegen komplementiert sie dieses Team auf sehr reizvolle Weise.


Eine Besonderheit Ihrer Serie ist auch, dass Sie ausschließlich weibliche Autorinnen und Regisseurinnen engagiert haben. Stößt man mit solchen Entscheidungen heutzutage noch auf Widerstand?


Ich denke, dass ich bei den meisten anderen Sendern dafür sehr hätte kämpfen müssen, womöglich auch vergeblich. Bei SYFY wurde ich in meinen Plänen allerdings von Anfang an unterstützt, was mich unglaublich begeistert hat. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es als Regisseurin ist, engagiert zu werden, nicht zuletzt wenn es um Action, SciFi oder Fantasy geht. Von Gleichberechtigung sind wir in diesem Bereich noch sehr weit entfernt, obwohl es viele talentierte Regisseurinnen gibt. Deswegen war es mir sehr wichtig, nicht nur ein Zeichen zu setzen, sondern vor allem meinen Kolleginnen echte Chancen zu eröffnen.


Sie erwähnten bereits, dass Sie Comic-Fan sind, und Science-Fiction scheint ebenfalls genau Ihr Ding zu sein. Gibt es diesbezüglich Vorbilder, die Sie als Filmemacherin besonders beeinflusst oder inspiriert haben?


Eigentlich ist die Frage unmöglich zu beantworten, denn es gibt viel zu viele Filme, Serien, Comics oder Romane die meinen Geschmack geprägt haben. Aber ich kann meine Antwort natürlich herunterbrechen, konkret mit Blick auf „Vagrant Queen“. Denn unser Ziel war es von Anfang an, die Serie möglichst humorvoll, leichtfüßig und augenzwinkernd zu gestalten. Farbenfroh und knallig sollte sie auch unbedingt sein. Deswegen wurden automatisch „Guardians of the Galaxy“ und „Thor: Tag der Entscheidung“ zu wichtigen Referenzen für uns, aber auch „Das fünfte Element“ oder auch die Serie „Firefly“.


Wenn man ein Genre wie Science-Fiction mit dem der Komödie kombiniert, muss man immer aufpassen, nicht in eine Parodie abzugleiten. Wie haben Sie für Vagrant QUeen den richtigen Tonfall gefunden?


Uns über Science-Fiction lustig zu machen war natürlich das letzte, was wir wollten. Denn wie gesagt: ich bin ein riesiger Fan – und für alle anderen, die in die Serie involviert waren, gilt das gleiche! Aber gleichzeitig war mir der Humor, der auch schon in den Comics sehr präsent war, unglaublich wichtig, denn bedeutungsvolle, sehr dramatische SciFi-Geschichten gibt es ja wirklich reichlich. Auch in „Vagrant Queen“ zeigen wir in jeder Folge Lasergefechte und emotionale Konflikte. Nur dass wir sie eben mit spielerischem Blick erzählen. Das Genre ernst nehmen, aber nicht hochtrabend werden – das war im Writers’ Room immer unsere Devise.


Die augenzwinkernde Seite der Serie wird noch dadurch betont, dass Sie nicht ausschließlich auf CGI, sondern bei vielen Spezialeffekten oder auch dem Make-up auf Handarbeit setzen. Zollen Sie damit SciFi-Klassikern vergangener Jahrzehnte Tribut?


Natürlich muss man ganz ehrlich zugeben, dass „Vagrant Queen“ sicherlich ein wenig anders aussehen würde, wenn unser Budget in den Bereichen von Marvel oder Star Wars gelegen hätte. Aber tatsächlich passte ein verspielter, sich nicht allzu ernstnehmender Look eben auch wirklich sehr gut zum bereits erwähnten Tonfall der Geschichte. Wir hatten zum Beispiel ein fantastisches Team, das sich um das Maskenbild gekümmert und wunderbare Außerirdische designt hat. Natürlich gibt es immer wieder auch CGI-Elemente, das bleibt bei einer Science-Fiction-Produktion natürlich nicht aus. Aber alles, was sich ohne Computer regeln ließ, fand ich besonders spannend. Gerade auch, weil mir die Vergleiche mit SciFi-Serien aus den Achtziger und Neunzigern in diesem Fall nicht unwillkommen sind. Auch optisch sollte „Vagrant Queen“ einfach Spaß machen!


ÜBER JEM GARRARD

Jem Garrard ist eine britisch-kanadische Autorin und Regisseurin. Sie hat schon Musikvideos für Weltstars wie Ringo Starr und Linkin Park gedreht und bei verschiedensten TV-Shows, TV-Filmen, Kurzfilmen und Dokumentationen auf der ganzen Welt Regie geführt. Für ihre Arbeit wurde sie mit fünf Leo Awards ausgezeichnet, unter anderem 2018 in der Kategorie bestes Comedy-Drehbuch für „Android Employed“. 2017 gewann sie als eine von fünf kanadischen Regisseurinnen im Rahmen der Initiative „Five in Focus“ der kanadischen Non-Profit-Organisation „Women in View“. Zuletzt führte Jem Garrard Regie für die Disney-Serie „Mech X4“ und den SYFY-TV-Film „Killer High“. Aktuell arbeitet sie an ihrem Debüt-Spielfilm „Project IVAN“, nachdem sie vor Kurzem ihre Arbeit als Regisseurin für die Serie „You Me Her“ abgeschlossen hat.