News | 9 Tage

Wynonna Earp & Supernatural: Die psychologische Schlagkraft von Serienhelden

Serien wie Supernatural  oder Wynonna Earp bieten nicht nur reine Unterhaltung, sondern können uns auch beibringen, die eigenen inneren Dämonen zu erkennen und zu besiegen. Psychologin Janina Scarlet wirft hier einen Blick auf die psychologische Kraft von Serien.

Wynonna

Eine der langlebigsten CW-Serien, Supernatural, erzählt die Geschichte von Sam und Dean Winchester, zwei Brüdern, die ihre Mutter bei einem schrecklichen Angriff durch Dämonen verloren haben, als sie kleine Kinder waren. Die beiden widmen ihr Leben der Jagd auf Dämonen, Vampire und andere Monster, die Menschen bedrohen. Während Dean, der ältere Bruder, schon immer auf das Leben als Jäger vorbereitet wurde, folgt ihm Sam nur ungern. Doch als Sams Freundin Jessica von dem gleichen Dämon getötet wird, der die Mutter der beiden ermordet hat, schließt er sich der Mission seines älteren Bruders an, um den Verantwortlichen zu finden. Die Winchesters reisen im Chevrolet Impala ihres Vaters, der vollgestopft ist mit Klingen, Salzkanonen, Weihwasser, Zauberbüchern und anderen Utensilien, durch das Land.

Zur selben Zeit wird auch Wynonna Earp, die Ur-Urgroßenkelin des berühmten Revolverhelden Wyatt Earp zur unfreiwilligen Dämonenjägerin. Nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatstadt Purgatory findet sie diese voll von Revenants (untoten Wiedergängern) vor, die ihr Ur-Urgroßvater einst erschossen hatte. Sie schließt sich Deputy Marshal Xavier Dolls von der Black Badge Division an, um gegen die Revenants zu kämpfen.

Sowohl Supernatural als auch Wynonna Earp sind unterhaltsam und vollgepackt mit Action und Spannung. Bei alledem können diese TV-Serien außerdem sehr hilfreich dabei sein, den Zuschauern etwas über die Begegnung mit den eigenen inneren Monstern zu vermitteln. Als klinische Psychologin hat die Autorin dieses Artikels erkannt, dass das Verstehen eigener emotionaler Erfahrungen für viele Menschen sehr schwierig ist. Oftmals kämpfen Leute gegen die Zuordnung ihrer Gefühle, das Verständnis dafür, warum bestimmte Erlebnisse sie in mancher Weise beeinflussen und den Umgang mit schwierigen Situationen an. Zusätzlich haben manche gelernt, ihre Emotionen zu verbergen und schämen sich etwa zu weinen oder für das Erleben völlig normaler Gefühle wie Angst oder Traurigkeit. Infolgedessen entsteht Scham dafür, sich deprimiert, ängstlich oder einsam zu fühlen und sie glauben häufig, dass sie abgewiesen oder missverstanden werden, wenn sie sich anderen öffnen. Anders ausgedrückt sind Menschen oft dann am härtesten mit sich selbst, wenn sie in Wahrheit Mitgefühl, Zuspruch und Verständnis bräuchten.

Während des Kampfes solcher Menschen mit der Akzeptanz ihrer Gefühle kann es zu Vermeidungsverhalten kommen: Dem Versuch der Flucht vor oder der Unterdrückung dieser Gefühle sowie zur Einnahme gewisser Substanzen oder auch Ablenkungen. Obwohl dergleichen eine kurzzeitige vorübergehende Erleichterung verschaffen kann, ist nichts davon auf Dauer effektiv. Im Gegenteil, oft führt Vermeidungsverhalten auf lange Sicht zur Steigerung des emotionalen Leidens. Beispielsweise beginnt Dean Winchester nach seiner Rückkehr von der Folterung in der Hölle stark zu trinken, vertieft sich in seine Arbeit und weigert sich, über seine Erfahrungen zu sprechen. Diese Vermeidungstaktik macht ihm die Verarbeitung seiner traumatischen Erfahrungen unmöglich, wodurch er so lange gegen seine Symptome ankämpfen muss, bis er sich seinem Bruder gegenüber öffnet. Wie auch die Winchesters wird Wynonna Earp jahrelang von ihrer Vergangenheit gejagt, was sie schließlich in eine psychiatrische Klinik als auch in ein Jugendgefängnis bringt.

Interessanterweise können sich viele Menschen trotz damit verbundener Schwierigkeiten ihren Emotionen weit besser öffnen, wenn sie dies gegenüber jemandem mit ähnlichen Erfahrungen tun. Diese Art von Beziehung kann zu einer realen Person, aber auch zu einem fiktiven TV-Charakter aufgebaut werden und wird häufig als Parasoziale Beziehung (PSB) bezeichnet. Parasoziale Beziehungen können als Ersatz für soziale Kontakte dienen und auf gewisse Weise als Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder gar Familie für den Zuschauer fungieren. Möglicherweise auch deshalb sprechen manche Fans von Supernatural und Wynonna Earp davon, dass sie die Seriencharaktere im Wesentlichen als ihre Familie ansehen.

Tatsächlich wenden sich manche Menschen, die sich abgelehnt oder sozial ausgegrenzt fühlen ihren Lieblingsserien zu, um Geborgenheit zu finden. Forschungsstudien zeigen, dass die Verbindung mit persönlich bedeutsamen Lieblingsserien (nicht allgemein aufs Fernsehen bezogen) zu gesteigerter Stimmung, vermindertem Gefühl von Ablehnung und Einsamkeit und stärkerem Interesse an Kontakten zu anderen führen können. Das kann bedeuten, dass wir uns in entsprechenden Situationen TV-Serien und -Charakteren nicht zuwenden, um zu flüchten, sondern weil wir Verbindungen suchen. In der Tat äußern viele Fans, dass sie sich durch das Einlassen auf die Geschichten und Figuren dieser Serien weniger allein fühlten und dank ihnen durch Zeiten der Depression, Angst und sozialer Isolation fanden, ebenso wie sie durch sie lernten, mit traumatischen Situationen umzugehen und gar neue Freundschaften in der entsprechenden Fanszene schlossen.

Für die Autorin als Psychologin machen diese Ergebnisse Sinn. Viele ihrer Klienten berichten davon, dass ihnen ihre Lieblingsserien halfen, das Gefühl von Hoffnung und Zugehörigkeit zu finden und sie zum Weitermachen antrieben, als sie die Beendigung ihres Lebens in Betracht zogen. Die Erfahrung körperlichen, sexuellen oder emotionalen Missbrauchs beispielsweise oder wiederkehrender Kritik und Ablehnung durch soziale Gruppierungen kann eine Überhöhung der Stress-Anfälligkeit und die Verminderung der Fähigkeit zur Selbstberuhigung hervorrufen. Panikattacken, Depressionen, Vereinsamung, überbordende Ängstlichkeit und peinigende Traumatisierung: All dies kann eintreten, wenn Menschen wiederholt von Dämonen des wirklichen Lebens angegriffen werden, ohne auf Wynonnas Colt oder das Arsenal der Winchesters zurückgreifen zu können. Haben diese Menschen jedoch einen Verbündeten, der Ähnliches durchlebt hat und ihnen zeigen kann, dass Monster geschlagen werden können, wird diese Person wahrscheinlich eher eine Lösung aufzeigen als der unaufhörliche Kampf.

Als Menschen sind wir auf Verbindungen angewiesen. Aus diesem Grund können die Erfahrung von Einsamkeit und sozialer Ausgrenzung emotional peinigen. Für die meisten ist emotionaler Schmerz ebenso stark, wenn nicht noch schlimmer als körperliche Pein oder gar Folter. Tatsächlich entstehen sowohl emotionaler als auch physischer Schmerz in den gleichen Bereichen des Gehirns und schaffen gleichermaßen peinigende Erfahrungen. Doch finden wir eine soziale Verbindung zu einem anderen Menschen, auch einem fiktiven Charakter, setzen unsere Körper Oxitozin frei, ein Bindungshormon, das physische und emotionale Störungen reduziert und ein Gefühl der Verbindung erzeugt, das fast wie ein Heilbalsam wirkt. Dies könnte der Grund dafür sein, warum wir uns fiktiven Charakteren verbunden fühlen: Sie mögen fiktional sein, aber sie sagen die Wahrheit. Ganz spezifisch spiegeln Fernsehserien so gut wie alles, womit Menschen in ihrem Inneren zurechtkommen müssen, ohne dabei in manchen Fällen jemanden zu haben, mit dem zusammen sie dies verarbeiten können.

Sarah beispielsweise, eine Klientin der Autorin (Name geändert), entwickelte eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nach dem Erleben sexuellen Missbrauchs. Sie berichtete, dass niemand außer der Psychologin von ihrer traumatischen Erfahrung wusste, da sie zu verunsichert war, jemandem davon zu erzählen. Doch als großer Fan von Supernatural fühlte sie eine augenblickliche Verbindung zu Sam und Dean wegen deren traumatischer Erlebnisse. Durch das Miterleben der schlimmen Erfahrungen der Brüder konnte sie ihre eigenen Symptome ebenfalls erkennen. Sarah fühlte sich insbesondere Dean verbunden. Als sie die Episode anschaute, in der er sich an seine Folterung in der Hölle erinnerte, so erklärte Sarah, fühlte sie sich, als werde auch sie seit dem Übergriff gefoltert. »Das Schlimmste von allem«, sagte sie, »ist, dass ich ebenso wie Dean ganz allein dadurch musste, ohne jemanden an meiner Seite.« Während der Arbeit mit Sarah an ihrer Erholung von der PTBS und ihrem Werden zur »Jägerin ihres Traumas« waren sie dazu in der Lage, ein paar Schlüsselelemente hierfür zu erkennen. Diese Komponenten beinhalteten eine starke unterstützende Gruppe und neue Sinnfindung. In der Verbindung mit anderen Fans von Supernatural war Sarah dazu imstande, ihr Sozialempfinden zu erweitern und ein Teil der Supernatural-Fan-Familie zu werden. Außerdem wurde sie zu einer Vermittlerin für andere Opfer sexueller Übergriffe und verhilft ihnen sowohl bei der Findung einer Stimme als auch zur Heilung nach der traumatischen Erfahrung (Sarahs Geschichte wurde mit ihrer Zustimmung erzählt).

So wie Sarah mussten auch die Hauptfiguren von Supernatural und Wynonna Earp nach ihren traumatischen Verlusterfahrungen einen neuen Sinn finden. Diese Art von Bedeutungsfindung nach traumatischen Erlebnissen, die einen positiven Wandel im Leben von Betroffenen bewirken kann, nennt man Posttraumatisches Wachstum. Es erlaubt Menschen ebenso, aus ihren traumatischen Erfahrungen zu lernen und ihrem Leben neuen Sinn zu geben wie Verbindungen zu wichtigen anderen Menschen und Aktivitäten zu schaffen. Durch die Beziehungen zu unseren Lieblings-TV-Charakteren werden wir vielleicht daran erinnert, dass wir uns ebenso wie unsere liebsten Dämonenjäger unseren inneren Dämonen stellen können, und genauso wenig wie die Earps und die Winchesters müssen wir dies allein tun.

Überzeugen kann man sich davon aktuell bei SYFY, wo immer mittwochs und donnerstags die ersten drei Staffeln der Kultserie endlich nach Deutschland kommen. Jeweils drei Episoden werden immer zur besten Sendezeit zu sehen  und danach On Demand verfügbar sein. Noch besser ist nur das Wissen darum, dass auch die – coronabedingt zwischenzeitlich unterbrochene – vierte Staffel bald ihre Deutschlandpremiere feiern wird. Denn schon ab 7. Januar 2021 werden die brandneuen Folgen von Wynonna Earp bei SYFY zu sehen sein. Halleluja!

*

Dieser Artikel wurde von Thorsten Walch von Moin Moin Medien im Auftrag von SYFY.de übersetzt.

Der Originalartikel "WHAT SUPERNATURAL AND WYNONNA EARP CAN TEACH US ABOUT FACING OUR OWN DEMONS" stammt von SYFY.com und wurde von Janina Scarlet geschrieben.

Wynonna Earp 01 K E Y 16 9 N O T T